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Anke Spoorendonk zu TOP 26 - Sachstand Hochbegabtenförderung
Presseinformation Kiel, den 17. März 2010 Es gilt das gesprochene WortAnke Spoorendonk TOP 26 Sachstand Hochbegabtenförderung Drs. 17/373Neben dem Paragraphen 4 Absatz 1 des schleswig-holsteinischen Schulgesetzes, der allenKindern ein Recht auf eine Ausbildung nach ihren Begabungen und Fähigkeiten garantiert, gibtes hier im Land eine Vielzahl an Fördermöglichkeiten für Kinder mit besonderen Begabungen.Der schulpsychologische Dienst, die Beratungsstelle MIND an der Kieler Universität, dieBeratungsbroschüre des Bildungsministeriums, Informationsveranstaltungen, Enrichment-Programme, Teilnahme an Wettbewerben, binnendifferenzierter Unterricht,Klassenüberspringen oder Frühstudium - das sind einige und noch längst nicht alleMöglichkeiten hier im Land, Eltern zu beraten und Kinder mit besonderen Begabungen zufördern. Wenn man sich die Vielzahl an Angeboten anschaut, sollte man meinen, dass es diewichtigste Herausforderung der Schulpolitik ist, die ungefähr 2% der Kinder mit intellektuellerHochbegabung gesondert zu fördern. 2Viele Eltern sind der Meinung, dass ihre Kinder hochbegabt sind, weil sie sich im Unterrichtlangweilen. Langeweile ist aber erst einmal ein Zeichen schlechten Unterrichts. Auch andereKinder langweilen sich. Wir sprechen hier also nicht über Kinder, die sich langweilen, per seVerhaltensstörungen zeigen oder soziale Schwierigkeiten haben. Und wir sprechen hier auchnicht von den Kindern, die nur hervorragende Noten haben. Wir sprechen vielmehr vonKindern, die ein besonderes Potenzial haben und damit in unserer Gesellschaft manchmal sehrheftig anecken, wenn dieser Reichtum nicht entdeckt und gefördert wird. Und wir sprechenvon Kindern, deren besondere Begabung als solche nicht erkannt und angemessen gefordertwird, und die wegen dieser Unterforderung oder Fehlbewertung dauerhafteAnpassungsprobleme haben.Für den SSW möchte ich ganz klar sagen, dass für diese Kinder in unseren öffentlichen Schulenund in unserer Gesellschaft Raum sein muss. Dazu gehört, dass Eltern Beratungsmöglichkeitenbrauchen, dass die Lehrkräfte in den Schulen wissen, wie sie Kinder mit besonderenBegabungen fördern können und dass vor allem die Kinder selbst Angebote erhalten, um ihrPotenzial zu entwickeln.Bisher sah das Begabtenförderungskonzept des Landes ausdrücklich eine integrative und keineexklusive Förderung dieser Kinder vor. Dazu gehörte, dass zum Beispiel keine statistischenDaten über Kinder mit besonderen Begabungen erhoben wurden. Und dass mit dementwickelten Konzept des Enrichment-Programms flächendeckend Kooperationsverbünde imLand geschaffen wurden, in denen Kinder mit besonderen Begabungen unkonventionelleLernwege gehen können, um Neugierde und Begeisterung für die Welt zu entdecken. Eswurden also in Schleswig-Holstein ganz bewusst keine Elitenklassen und keine Elitenschulengeschaffen, um sogenannte hochbegabte Kinder gesondert zu schulen. Aus Sicht des SSW istdas gut so. Kinder mit besonderen Begabungen müssen gefördert werden, aber bitte inklusivund ohne klassistisch vorzugehen. 3Dass CDU und FDP sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt haben, schrittweiseHochbegabtenklassen und Kompetenzzentren zur Hochbegabtenförderung einzurichten, istmeiner Meinung nach leider ein weiteres Beispiel dafür, dass die Landesregierung in SachenSchulpolitik in einer anderen Welt lebt. Wir haben in Schleswig-Holstein gerade erst versucht,das überholte dreigliedrige Schulsystem zu reformieren. Vor diesem Hintergrund ist derAnsatz, den integrativen Unterricht durch die Institutionalisierung vermeintlicher Eliten zuersetzen, nichts anderes als eine Rolle rückwärts. Die Vorstellung, dass nur gezielt angestrebteSelektions- und Herauslösungsprozesse Kinder mit besonderen Begabungen zuSpitzenleistungen antreiben, ist nicht nachweisbar und daher fast so absurd wie der Gedanke,dass sich Schulformen auf einem IQ-Test aufbauen zu lassen.Ich fasse zusammen: Bei der Diskussion um die Förderung von Kindern mit besonderenBegabungen gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen von geeigneten pädagogischenZielsetzungen. Und nicht ohne Grund beklagen Lehrer, dass man sich für fundierte Diagnosenund didaktische Methoden nicht ausreichend ausgebildet fühlt. Die individuelle Förderung vonhochbegabten Kindern und Jugendlichen muss aber nach Meinung des SSW unter demGesichtspunkt der Inklusion verstanden werden. Es macht also Sinn, ein Grundwissen darüberin der Lehrerausbildung zu vermitteln. Gelingt es, professionelle Begabtenförderung in dennormalen Schulalltag zu integrieren, wäre dies für alle einen Gewinn – leben wir doch in einerGesellschaft, die immer mehr in Gruppen- und Einzelinteressen auseinanderdriftet.