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18.03.10 , 12:51 Uhr
SSW

Anke Spoorendonk zu TOP 26 - Sachstand Hochbegabtenförderung

Presseinformation Kiel, den 17. März 2010 Es gilt das gesprochene Wort



Anke Spoorendonk TOP 26 Sachstand Hochbegabtenförderung Drs. 17/373

Neben dem Paragraphen 4 Absatz 1 des schleswig-holsteinischen Schulgesetzes, der allen
Kindern ein Recht auf eine Ausbildung nach ihren Begabungen und Fähigkeiten garantiert, gibt
es hier im Land eine Vielzahl an Fördermöglichkeiten für Kinder mit besonderen Begabungen.


Der schulpsychologische Dienst, die Beratungsstelle MIND an der Kieler Universität, die
Beratungsbroschüre des Bildungsministeriums, Informationsveranstaltungen, Enrichment-
Programme, Teilnahme an Wettbewerben, binnendifferenzierter Unterricht,
Klassenüberspringen oder Frühstudium - das sind einige und noch längst nicht alle
Möglichkeiten hier im Land, Eltern zu beraten und Kinder mit besonderen Begabungen zu
fördern. Wenn man sich die Vielzahl an Angeboten anschaut, sollte man meinen, dass es die
wichtigste Herausforderung der Schulpolitik ist, die ungefähr 2% der Kinder mit intellektueller
Hochbegabung gesondert zu fördern. 2
Viele Eltern sind der Meinung, dass ihre Kinder hochbegabt sind, weil sie sich im Unterricht
langweilen. Langeweile ist aber erst einmal ein Zeichen schlechten Unterrichts. Auch andere
Kinder langweilen sich. Wir sprechen hier also nicht über Kinder, die sich langweilen, per se
Verhaltensstörungen zeigen oder soziale Schwierigkeiten haben. Und wir sprechen hier auch
nicht von den Kindern, die nur hervorragende Noten haben. Wir sprechen vielmehr von
Kindern, die ein besonderes Potenzial haben und damit in unserer Gesellschaft manchmal sehr
heftig anecken, wenn dieser Reichtum nicht entdeckt und gefördert wird. Und wir sprechen
von Kindern, deren besondere Begabung als solche nicht erkannt und angemessen gefordert
wird, und die wegen dieser Unterforderung oder Fehlbewertung dauerhafte
Anpassungsprobleme haben.


Für den SSW möchte ich ganz klar sagen, dass für diese Kinder in unseren öffentlichen Schulen
und in unserer Gesellschaft Raum sein muss. Dazu gehört, dass Eltern Beratungsmöglichkeiten
brauchen, dass die Lehrkräfte in den Schulen wissen, wie sie Kinder mit besonderen
Begabungen fördern können und dass vor allem die Kinder selbst Angebote erhalten, um ihr
Potenzial zu entwickeln.


Bisher sah das Begabtenförderungskonzept des Landes ausdrücklich eine integrative und keine
exklusive Förderung dieser Kinder vor. Dazu gehörte, dass zum Beispiel keine statistischen
Daten über Kinder mit besonderen Begabungen erhoben wurden. Und dass mit dem
entwickelten Konzept des Enrichment-Programms flächendeckend Kooperationsverbünde im
Land geschaffen wurden, in denen Kinder mit besonderen Begabungen unkonventionelle
Lernwege gehen können, um Neugierde und Begeisterung für die Welt zu entdecken. Es
wurden also in Schleswig-Holstein ganz bewusst keine Elitenklassen und keine Elitenschulen
geschaffen, um sogenannte hochbegabte Kinder gesondert zu schulen. Aus Sicht des SSW ist
das gut so. Kinder mit besonderen Begabungen müssen gefördert werden, aber bitte inklusiv
und ohne klassistisch vorzugehen. 3
Dass CDU und FDP sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt haben, schrittweise
Hochbegabtenklassen und Kompetenzzentren zur Hochbegabtenförderung einzurichten, ist
meiner Meinung nach leider ein weiteres Beispiel dafür, dass die Landesregierung in Sachen
Schulpolitik in einer anderen Welt lebt. Wir haben in Schleswig-Holstein gerade erst versucht,
das überholte dreigliedrige Schulsystem zu reformieren. Vor diesem Hintergrund ist der
Ansatz, den integrativen Unterricht durch die Institutionalisierung vermeintlicher Eliten zu
ersetzen, nichts anderes als eine Rolle rückwärts. Die Vorstellung, dass nur gezielt angestrebte
Selektions- und Herauslösungsprozesse Kinder mit besonderen Begabungen zu
Spitzenleistungen antreiben, ist nicht nachweisbar und daher fast so absurd wie der Gedanke,
dass sich Schulformen auf einem IQ-Test aufbauen zu lassen.


Ich fasse zusammen: Bei der Diskussion um die Förderung von Kindern mit besonderen
Begabungen gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen von geeigneten pädagogischen
Zielsetzungen. Und nicht ohne Grund beklagen Lehrer, dass man sich für fundierte Diagnosen
und didaktische Methoden nicht ausreichend ausgebildet fühlt. Die individuelle Förderung von
hochbegabten Kindern und Jugendlichen muss aber nach Meinung des SSW unter dem
Gesichtspunkt der Inklusion verstanden werden. Es macht also Sinn, ein Grundwissen darüber
in der Lehrerausbildung zu vermitteln. Gelingt es, professionelle Begabtenförderung in den
normalen Schulalltag zu integrieren, wäre dies für alle einen Gewinn – leben wir doch in einer
Gesellschaft, die immer mehr in Gruppen- und Einzelinteressen auseinanderdriftet.

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