Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
Anke Spoorendonk zu TOP 19 - Europäische Kulturstrategie
PresseinformationKiel, den 10. September 2010 Es gilt das gesprochene WortAnke Spoorendonk TOP 19 Europäische Kulturstrategie Drs. 17/729Die sogenannte Europäische Kulturstrategie wurde 2007 durch die EuropäischeKommission ins Leben gerufen. Sie schlug vor, diese neue Strategie auf der Grundlageder „offenen Koordinierungsmethode“ voranzubringen – eine Methode, die laut EU-Kommission bereits erfolgreich die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten und der EU inden Bereichen allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sozialschutz strukturiert.Für einen Zeitraum von 2007 bis 2013 wird die Europäische Gemeinschaft etwa 30 Mio.Euro zu dem Fonds beisteuern; die Mitgliedstaaten wurden gleich 2007 ersucht, weitereBeiträge zu leisten. Die Fortschritte bei der Umsetzung dieser Kulturstrategie sollen allezwei Jahre von der Kommission und den Mitgliedstaaten überprüft werden.Im Klartext heißt dies aber auch, dass so eine Kulturinitiative nicht zu denPflichtaufgaben der Europäischen Union zählt, im Gegenteil: in Sachen Kultur haben dieMitgliedstaaten die Hoheit – wofür es, füge ich in Klammern hinzu, ja auch ganz viele 2gute Gründe gibt. Wir vom SSW wollen zumindest nicht, dass sich die Staaten aus ihrenkulturellen Verpflichtungen zurück ziehen. Die Kulturstrategie der EU kann daher nureine Ergänzung sein. Doch wie in anderen Zusammenhängen auch, steckt häufig derTeufel im Detail – dazu zwei Anmerkungen.Als erstes zu den Grundlagen: Die Kulturförderung der EU unterstützt Projekte, gibtBetriebskostenzuschüsse oder fördert Studien. Bei der Projektförderung sehen dieRegelungen zwar eine mehrjährige Förderung vor, die Hälfte der Kosten müssen abervon den Projektträgern kommen. Soll heißen, wir sind bei einem zentralen technischenProblem des Programms: die meisten unserer Kultureinrichtungen können Eigenmittelkaum aufbringen. Für sie kommen solche Programme also nicht infrage.Die Europäische Union verweist in allen Fällen, in denen mehr als eine hälftige Förderungnotwendig ist, an das Deutsche Zentrum für Kulturförderung weiter. Dort werdeninteressierte Künstler flächendeckend über Stiftungen, Preise undUnterstützungsmöglichkeiten informiert. Für alle weiteren Schritte sind professionelleKulturmanager gefragt, um aus der Vielfalt das richtige Instrument zu finden.Auch die europäische Kulturstrategie richtet sich mitnichten an Einzelkünstler, wie derAntrag durch die Formulierung „Kulturschaffende“ nahe legt, sondern lautProgrammleitfaden ausdrücklich an Theater, Museen und Universitäten, alsoausgewachsene Einrichtungen. Nur sie haben überhaupt die Möglichkeit, alleFörderbedingungen einzuhalten. Diese hohen Anforderungen erklären, warum dieEuropäische Kulturstrategie bisher kein Renner in Schleswig-Holstein gewesen ist. 3Und nun zu meiner zweiten Anmerkung: Denn, was über die technischen Probleme weithinausreicht, sind die zentralen inhaltlichen Probleme der Kulturstrategie. DieEuropäische Kommission erklärt, dass sie mit ihrer Strategie die Vielfalt der kulturellenAusdrucksformen unterstützen will, tatsächlich hantiert sie aber mit einemeinheitlichen, nationalstaatlich basierten europäischen Kulturbegriff. DieseKanonisierung der nationalstaatlichen Kultur zeigt sich beispielsweise in der Begrenzungder förderfähigen Sprachen auf die Amtssprachen. Der Programmleitfaden verweistausdrücklich darauf, dass Übersetzungen eines englischen Romanes eines irischenAutors ins Gälische nicht förderfähig sind. Da die Minderheiten- und Regionalsprachennicht überall in Europa per Verfassung Amtssprachen sind, fallen deren belletristischeWerke nicht unter die Fördergrundsätze der Kultur-Strategie. In Deutschland sind wederFriesisch noch Romanes oder Sorbisch im Grundgesetz aufgeführt, wie es der Leitfadenverlangt; eine Übersetzung wird also nicht gefördert.Der Verdacht liegt nahe, dass die europäische Kulturstrategie nicht den interkulturellenDialog fördert, sondern an nationalen Konstruktionen kleben bleibt. In derProgrammsprache heißt das Ganze dann „wirklicher, zusätzlicher europäischer Nutzen“.Das Programm zielt also darauf ab, dass monolithische Staaten über ihre Grenzenhinweg Kultur austauschen. Da waren wir wirklich schon weiter – bzw. sind es,zumindest hier in Schleswig-Holstein.