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Silke Hinrichsen zu TOP 35 - Berichte zu den Justizvollzugsanstalten in Schleswig-Holstein sowie Flensburg und Itzehoe
Presseinformation Kiel, den 07. Oktober 2010 Es gilt das gesprochene WortSilke HinrichsenTOP 35 u. 48 Berichte zu den Justizvollzugsanstalten in Schleswig- Holstein sowie Flensburg und Itzehoe Drs. 17/913, 495, 668Schon aus meiner Kleinen Anfrage vom 19. Juli ist hervorgegangen, dass die Landesregierungnicht weiß, warum eine Schließung der kleinen Justizvollzugsanstalten im Land sinnvoll wäre.Damals gab es die Antwort, dass die mit der Schließung konkret verbundenen Einsparungenseit dem entsprechenden Beschluss der Landesregierung im Justizministerium ermitteltwerden. Dort wo eine genaue Berechnung nicht möglich ist, werden Schätzungenvorgenommen. Diese Vorbemerkung der Landesregierung macht deutlich, dass hier Beschlüssegefasst wurden, ohne dass diese in irgendeiner Form durchdacht oder argumentativ unterlegtsind.Auch der vorliegende schriftliche und der jetzt gegebene mündliche Bericht zur Situation derJustizvollzugsanstalten im Land machen einen noch nicht klüger. Klar ist eigentlich nur, dassdie Landesregierung Justizvollzugsanstalten schließen möchte. Warum dies eigentlichzwingend notwendig ist, welche Konsequenzen damit verbunden sind und nach welchen 2Kriterien all dies passieren soll, ist weiterhin unklar. Unklar ist vor allem auch, warum kleinereAnstalten grundsätzlich unwirtschaftlicher sein sollen.Mit der Schließung der JVAs in Flensburg und Itzehoe sollen Stellen und vor allem auchInvestitionsmaßnahmen eingespart werden. Wie hoch die einzusparenden Beträge sind undauf welcher Grundlage diese Einsparungen berechnet werden, ist bisher jedoch nichttransparent gemacht worden. Dafür gibt es Stellungnahmen z.B. vom Bund der Steuerzahler,die deutlich machen, dass es zwar Einsparungen geben kann, auf der anderen Seite aber auchAusgaben stehen - weil man viele Aufgaben in einem Rechtsstaat nicht einfach wegsparenkann.Zu den Ausgaben gehören die Fahrten zu den Gerichtsterminen und damit die Erhöhung derPlanstellen bei der Landespolizei, die längeren Anfahrtswege für die Vernehmungen und damitauch mehr Stellen bei der Kripo, Mehrarbeit bei den Gerichtswachtmeistern und auch dorteventuelle Mehreinstellungen. Weiterhin gibt es durch die Verlegungen in den Vollzug nachKiel, Neumünster oder Lübeck einen größeren Bedarf an Vollzugsbeamten, mehrPflichtverteidiger durch das rechnerische Aufkommen an Besuchen, mehr Streifen- undGefangenentransportwagen, zusätzliche Anwaltskosten, Fahrtkosten für die Gerichtsvollzieherund die Bewährungshilfe sowie Kosten durch einen möglichen Erhalt der Liegenschaften.Interessant wäre, wie diese Ausgaben beziffert werden und zu welchem Ergebnis dieLandesregierung dann kommen würde. Ich möchte hier keinen „Diskutierwettbewerb“eröffnen, es ist nur ganz einfach unklar, wie weit die Berechnungen mittlerweile sind und ob estatsächlich zu „Einsparungen in Millionenhöhe“ kommen wird - wie die Landesregierungpostuliert - oder ob nicht viel mehr die Kosten, die an einer Stelle eingespart werden, ananderer Stelle wieder ausgegeben werden müssen. 3Zu der Schließung der kleinen Justizvollzugsanstaltsstandorte gibt es allerdings noch weitereFragen, auf die es von Seiten der Landesregierung bisher noch keine Antworten gibt. Da sindzum einen die mit einer möglichen Schließung verbundenen Veränderungen derZuständigkeiten der Amts- und Landgerichte. Besonders in Flensburg ist die Angst groß, dassmit einer Schließung der JVA auch das langsame Sterben des Landgerichtsstandorteseingeläutet wird. Die Gefahr ist nämlich groß, dass ohne eine eigene JVA die Durchführung vonVerhandlungsterminen vor der Großen Strafkammer des Landgerichts so erschwert undverteuert werden, dass schon bald der Ruf nach einer Verlagerung der Strafkammer lautwerden wird. Also welche Antwort gibt diese Landesregierung auf die Frage, ob mit einerSchließung der JVA der Gerichtsstandort Flensburg gefährdet ist?Zum anderen stellt sich die Frage nach den sozialen Auswirkungen einer möglichenSchließung. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Insassen durch die dezentrale Lage derJVAs die Möglichkeit haben, die sozialen Kontakte zu Familien und Freunden durch dieräumliche Nähe und die kurzen Verkehrsverbindungen aufrecht zu erhalten. Es geht auchdarum, dass bei den meisten Familien durch die Inhaftierung sowieso schon ein Einkommenwegfällt. Viele Familien können sich durch den erheblichen Zeitaufwand und die zum Teilschlechten öffentlichen Verkehrsanbindungen die Wahrnehmung der Besuchszeiten dannnicht mehr leisten. Ein sozialer und heimatnaher Strafvollzug fällt daher mit einer Schließungder kleinen Justizvollzugsanstalten im Land weg. Es geht dabei nicht darum, es den Insassen sogemütlich wie möglich zu machen. Es geht schlichtweg darum, die Resozialisierungschancenzu erhöhen - und da gibt es in Schleswig-Holstein ausreichend Eckpunkte, an denen angesetztwerden sollte. Dies ist den Insassen übrigens auch selbst klar. Am 22. Juni titelte der SHZ„Aufregung im Knast: Keiner will raus“. Den Insassen ist nämlich durchaus klar, dass sie in dengrößeren Gefängnissen des Landes untergehen würden und keine Chancen hätten, wiederzurück zu einem eigenen straffreien Leben zu finden. 4Weitere Fragen stellen wir uns in Bezug auf die Sicherheitslage in Flensburg, wenn diePolizistinnen und Polizisten vor Ort ständig damit beschäftigt sind, die Festgenommenen imnördlichen Landesteil Richtung Süden zu kutschieren. Und auch wie mit den bereits getätigtenund den noch ausstehenden Sanierungen umgegangen werden soll, ist weiter unklar.In Flensburg hat man in den letzten Jahren für 2,14 Millionen Euro saniert. WeitereInvestitionsmaßnahmen stehen an, auf die die Landesregierung gerne verzichten würde. Nachder Stellungnahme der Stadt Flensburg zu diesem Thema stellt sich für den SSW allerdings dieFrage, ob hier unterschieden wird zwischen den gewünschten und den notwendigenSanierungen. Auch ist unklar, warum der Auftrag für die Sanierungen dem teuersten Anbieterübertragen wurde und ob es nicht auch kostengünstigere Alternativvorschläge gibt. Wie siehtdie Landesregierung außerdem die bisher getätigten Investitionen, wenn die JVA geschlossenwird. Ist es nicht absurd, erst so viele Gelder zu investieren und dann alles stehen und liegen zulassen?Wie Sie sehen, meine sehr geehrten Damen und Herren, gibt es viele Fragen in Bezug auf eineSchließung der kleinen JVAs im Land, die es zu beantworten gibt, bevor ein Entschluss gefasstwird. Es kann einfach nicht sein, dass man aufgrund von wahllos heraus gegriffenen Zahlenmal hier und mal da kürzt. Das Justizministerium stellt bisher überhaupt nicht in Frage, dassein Vorhandensein einer JVA in jedem Landgerichtsbezirk aus fachlicher Sicht geboten ist.Genau darum geht es nämlich: die fachliche Sicht. Es geht hier um Menschen, die nicht einfachnur ein zu kürzender Kostenfaktor sind. Für den SSW fordere ich daher die Landesregierung auf,ihren Sparvorschlag noch einmal zu überdenken und endlich eine transparente Argumentationauf den Tisch zu legen, damit Richter- und Anwaltsvereine, die Stadt Flensburg, der Bund derStrafvollzugsbediensteten, die GdP und sogar die Gefangenen und ihre Angehörigen verstehenkönnen, warum die Schließung ihrer JVA von Vorteil sei. Aus Sicht des SSW ist diese weitereSchwächung des nördlichen Landesteils nämlich kein Vorteil, sondern ein Armutszeugnis fürdie schwarz-gelbe Landesregierung.