Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.

Datenschutzerklärung

19.11.10 , 15:37 Uhr
SSW

Flemming Meyer zu TOP 36 - Fortschreibung des Psychiatrieplanes

Presseinformation
Kiel, den 19. November 2010 Es gilt das gesprochene Wort



Flemming Meyer
TOP 36 Fortschreibung des Psychiatrieplanes Drs. 994

Der Selbstmord Robert Enkes hat es noch einmal mit voller Wucht in Erinnerung gerufen:
psychisch Kranke benötigen eine Kultur der Aufmerksamkeit; ansonsten drohen sie an
ihrer Krankheit zu zerbrechen.
Der Fall Enke zeigt aber auch anschaulich, dass aus Absichtserklärungen niemals
Strukturen erwachsen; dazu gehören solide Finanzstrukturen, klare Zuständigkeiten und
eindeutige Kompetenzen. Ernüchtert haben durchweg alle Kommentatoren nach einem
Jahr die Bilanz gezogen, dass sich im Profi-Fussball in Sachen offenem Umgang
Depression überhaupt nichts geändert hat.
Es geht nicht ohne klare Zielvorgaben, was die Behandlung, Nachsorge und Prävention
psychischer Erkrankungen angeht. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ ist wichtig, 2
und war 2000 wegweisend, heutzutage das allein nicht mehr ausreichend. Darum
begrüßt der SSW ausdrücklich den detaillierten Forderungskatalog.
Wir benötigen einen genauen Überblick über die Versorgungsstrukturen. Dabei ist der
Blickwinkel des Antrages allerdings nicht weitgehend genug. Es geht nicht nur um die
Profis, sondern auch um flankierende Gruppen, allen voran die Selbsthilfegruppen.
Gerade da wird aber derzeit massiv gespart. Wie man der Presse entnehmen konnte,
rechnen die Selbsthilfekontaktstellen Kibis in Flensburg und Schleswig etwa mit Kürzung
ihrer Förderungen von 45 Prozent. Das bedeutet, dass, Sprechzeiten reduziert, Treffen
seltener werden und sich einzelne Selbsthilfegruppen gar auflösen werden. Das betrifft
für den Bereich Psychosoziale Probleme alleine in Flensburg zwölf Gruppen. In anderen
Städten sieht es ähnlich aus. Hier wird auf lange Sicht ehrenamtliche Präventionsarbeit
weggespart. Erhöht wird dabei das Risiko, stationäre Kosten in den Einrichtungen zu
erhöhen, wenn bei Prävention bzw. Rehabilitation gespart wird. So eine Logik kann nur
dort gedeihen, wo einzelne Versorgungsformen isoliert vor sich hin arbeiten. Auch
darum benötigen wir einen Plan mit klaren Zielvorgaben.
Die Fortschreibung des Psychiatrieplanes muss eine reale Landkarte der Versorgung
erstellen. Das, was der Breitbandatlas erstmals bietet, nämlich einen ständig
aktualisierten Überblick über Versorgungsstandards, muss doch auch bei der
psychiatrischen Versorgung hinzubekommen sein.
Gerade der Dynamik muss dabei Rechnung getragen werden. Das ist derzeit nur
unzureichend möglich. Wir erleben nämlich gerade einen rasanten Wandel in der
Auffassung von dem, was psychische Erkrankung bzw. Störung ist. Viele Betroffene
kritisieren die um sich greifende Pathologisierung. Heutzutage wird allzu schnell bei
Problemen am Arbeitsplatz Psychopharmaka verschrieben, damit der Patient oder die
Patientin möglichst schnell wieder funktioniert. 3
Ein Psychiatrieplan muss Standards setzen, aber muss auch die ständige Überprüfung
und Hinterfragung der Standards ermöglichen.
Im Antrag ist die Rede von Systemsprengern, deren Zahl zunähme. Ich möchte an dieser
Stelle dafür plädieren, nicht den Patienten ans System anzupassen, sondern das System
stärker auf die Bedürfnisse des Patienten und seiner Angehörigen abzustimmen. In
Skandinavien heißt das integrierte Versorgung, das heißt eine bedürfnisangepasste
Behandlung, die einen Patienten bei Bedarf auch mal zu Hause behandelt. Dort wird
Fallmanagement zur Pflicht gemacht und auskömmlich honoriert.
Allerdings kennt man in Skandinavien auch nicht die Behandlung nach
Versichertenstatus. Wer in Schleswig-Holstein per Internet nach der Adresse eines
Psychotherapeuten sucht, wird gleich nach dem Versichertenstatus gefragt, also ob er
privat oder gesetzlich versichert ist. Danach richtet sich nämlich das
Behandlungsspektrum.
Aber das ist natürlich ein ganz anderes Problem, das kein Psychiatrieplan lösen kann.

Download PDF

Pressefilter

Zurücksetzen