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Lars Harms zu TOP 39 - Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität der Ausbildung
PresseinformationKiel, den 17. Dezember 2010 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 39 u. 40 Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität der Ausbildung Drs. 17/1090 u. 17/1091Offensichtlich sind wir alle in dem Bestreben, möglichst vielen jungen Menschen einebetriebliche Ausbildung zu ermöglichen, über das Ziel hinaus geschossen; wir haben nämlich dieQualität der Ausbildung aus den Augen verloren.Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren. 2003 wurde die Ausbilder-Eignungsverordnungausgesetzt, um Ausbildungshemmnisse in den Betrieben abzubauen und mehrAusbildungsplätze zu schaffen. Für Experten kaum überraschend verschlechterte sich aber unteranderem aus diesem Grund die Ausbildungsqualität. Die Aussetzung der Verordnung wurde vonvielen Betrieben als eine Art Freischein verstanden. Die Hauptsache war der abgeschlosseneAusbildungsvertrag. Was danach passierte, schien keine Rolle mehr zu spielen.Die Praktiker merken durchaus, dass man ohne Kontrollen und Standards nicht auskommt.Angesichts der gestiegenen inhaltlichen Anforderungen und der gewachsenen pädagogischenHerausforderungen ist ein Mindestmaß an berufs- und arbeitspädagogischer Qualifikationunverzichtbar, stellte 2008 auch das zuständige Ministerium fest. Darum haben wir wieder eineAusbildereignungsverordnung. 2Aber mit der Ausbildereignung ist es nicht getan. Zur Qualität der Ausbildung gehören auch einemoderne Ausbildungsstätte und eine fachgerechte schulische Ausbildung. Letztere wird durchdie Schulaufsicht gewährleistet, aber wer kontrolliert die betrieblichen Ausbildungsstandardsund wer sanktioniert wirkungsvoll Standardabweichungen in den Betrieben?Das sind dem Gesetz nach bei den gastronomischen Betrieben, über die wir schwerpunktmäßigsprechen, die Kammern. Sie informieren über die neuesten Standards und beraten die Betriebe.Sie sind auch diejenigen, die bei Streitigkeiten zuständig sind. Der entsprechende Ausschussheißt genau so: Schlichtungsausschuss für Berufsausbildungsstreitigkeiten.Wie wir aus dem Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes wissen, gibt esausreichend viele Fälle, in denen entweder die Qualität der Ausbildung, das innerbetrieblicheVerhältnis zwischen Auszubildendem und Ausbilder oder die Rahmenbedingungen nichtstimmen. Das wären eigentlich alles Fälle für diesen Ausschuss, in dem Arbeitgeber undArbeitnehmer vertreten sind. Aber tatsächlich tagt dieser Ausschuss nicht gerade häufig. NachAuskunft des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist er in den letzten sechs Jahren in Flensburgkein einziges Mal zusammengetreten.Das bedeutet keineswegs, dass es keine Streitigkeiten gibt; sondern dass sie irgendwie andersgeregelt werden. Darum kann man nur vermuten, in welcher Art und Weise die Konflikte gelöstwerden.Diese Intransparenz zieht sich durch die gesamte Gastronomie-Branche. Es geht hier nicht umEinzelfälle, also wenige, schwarze Schafe, sondern um eine Umgebung, in der interne Problemeunter den Teppich gekehrt werden. Möglich ist das, weil dem System eine unabhängigeKontrollinstanz fehlt. Zuständig sind die Kammern. Die Gastronomen sind durch einePflichtmitgliedschaft an eben diese zuständige Kammer gebunden. Sie zahlen Beiträge underwarten Dienstleistungen, Beratungen und nicht zuletzt die politische Interessenvertretung.Diese Konstruktion erschwert den offenen Umgang mit Problemen und steht einer Kontrolle imWege. Denn die Option, die Organisation zu verlassen bzw. aus ihr entlassen zu werden oder garvon ihr sanktioniert zu werden, ist nicht gegeben. 3Darum fordern Gewerkschaften, aber auch viele Betriebe, eine unabhängige dritte Instanz, dieKonflikte regelt und Standards durchsetzt.Das hängt auch damit zusammen, dass die enorme Konkurrenz im Gastgewerbe zu einer ArtKrähengesellschaft geführt hat: eine Krähe hackt bekanntlich der anderen kein Auge aus.Betriebe können sich also darauf verlassen, dass Missstände zwar ein offenes Geheimnis sind,aber niemals von Kollegen an die große Glocke gehängt werden – aus Angst, davor, dass dereigene Betrieb ins Visier der Kritik gerät. Darum gibt es niemanden, der wirklich öffentlich undverwertbar die Zustände kritisiert. Das ist Zwangssolidarität. Und die funktioniert nur mitAbschottung und Intransparenz, in der die betreffenden Betriebe gut abtauchen können. Und inder die schwächsten, nämlich die Auszubildenden, den Kürzeren ziehen.Sinkende Standards haben gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, gerade an der Westküste. Dortwird nämlich vor allem im Fremdenverkehr Geld verdient. Sinkt aber die Qualität, werden dieGäste in andere Urlaubsregionen abwandern. Der wirtschaftliche Schaden wäre enorm. Geradeaus diesem Grund müssen die Betriebsinhaber und Betriebsführer verstehen, dass eineDiskussion um Qualitätssicherung nichts mit Schikane, Kontrollwahn oder Schlechtreden einerBranche zu tun hat, sondern im Interesse einer regionalen Wirtschaftspolitik liegt.Ich würde mich freuen, wenn wir es fertig bringen könnten, hier in Schleswig-Holstein eineneigenen Weg zu gehen, der die Missstände abbauen helfen will. Um dieses anzuschieben,würden wir empfehlen, den SPD-Antrag im Ausschuss weiter zu beraten und dortmöglicherweise eine Anhörung zu diesem Thema durchzuführen, die dann hoffentlich in einegemeinsame Initiative des ganzen Hauses mündet.