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Anke Spoorendonk zu TOP 35 - Debatte über politische Führung und die Wahrnehmung schleswig-holsteinischer Interessen
PresseinformationKiel, den 24. Februar 2011 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 35 Debatte über politische Führung und die Wahrnehmung schleswig-holsteinischer Interessen Drs. 17/1292Wir sind mittlerweile einiges von Schwarz-Gelb gewohnt. Dies gilt nicht zuletzt in der Bildungs-politik. Trotzdem werden vielen am 4. Februar die Gesichtszüge entglitten sein. An diesemmorgen konnten wir in der Dithmarscher Landeszeitung lesen, dass das Bildungsministeriumeilig einen Erlassentwurf zurückgezogen hat, der eine ärztliche Untersuchung für Schulkindervorsah, die G9 wählen. Sie sollten durch ein ärztliches Attest dokumentieren, „dass der psychi-sche oder physische Gesundheitszustand des Kindes eine längere Lernzeit notwendig macht“.Man hätte dies als bürokratische Realsatire einstufen können, wenn es nicht so gewesen wäre,dass dieser Erlassentwurf auch über die Schreibtische der Ministeriumsleitung gegangen ist. DasEingeständnis von Dr. Klug, er habe den umstrittenen Anhörungsentwurf abgezeichnet, wirftnatürlich die Frage auf, ob der Minister, sein Staatssekretär und deren Mitarbeiter die 2erforderlichen Kulturtechniken beherrschen, derer es bedarf, um sich den Inhalt eines Textes zuerschließen. Es ist schon bemerkenswert, dass sie nicht in der Lage waren, einen Erlass korrektund gewissenhaft zu lesen, der eine der sensibelsten Fragen der Landespolitik betraf. Dies lässtnur den Schluss zu, dass so mancher mit seinem Job überfordert ist.Zum anderen wird hier aber zu Recht die Frage nach den Führungsqualifikationen gestellt, denndass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin dem leidenschaftlichen G9-Fan Klug eineDiskriminierung von G9-Anwärtern in den Erlass schreibt, offenbart auch die Schwäche derHausspitze. Das hat der Kollege Kubicki bestätigt, indem er dem Ministerium unterstellt, diefünfte Kolonne der SPD zu sein. Einmal davon abgesehen, dass andere diese Bildungsmini-sterialbürokratie anders erleben, hat der FDP-Fraktionsvorsitzende damit vor allem dem Ministerund seinem Staatssekretär ein Armutszeugnis ausgestellt.Es ist wahrlich kein Bild der Führungsstärke, das die Landesregierung in den letzten Wochengeboten hat. Dies gilt nicht nur für Dr. Ekkehard Klug, der sich von eigenen Mitarbeiterinnen undMitarbeitern vorführen lässt und wichtige Papiere abzeichnet, ohne sie zu lesen bzw. zuverstehen. Es gilt ebenso für den Ministerpräsidenten, der zuletzt nicht verhindern konnte, dassdie CDU auf FDP-Minister schießt und der Landesvorsitzende der FDP die CDU-Landwirtschaftsministerin aufs Korn nimmt. Die Verfassung der CDU-FDP-Koalition hat mich inden letzten Wochen teilweise an die Agonie der Großen Koalition erinnert. Denn genauso wiedamals zeichnet sich das Bild, dass der Ministerpräsident seine Mannschaft einfach gewährenlässt, solange ihm keiner persönlich auf die Füße tritt. Sobald aber ein Sturm aufzieht, duckt sichder Schönwettermensch Carstensen erst einmal weg und stellt sich erst dann den politischenNaturgewalten, wenn das Vakuum ein Machtwort förmlich aus ihm heraussaugt.Mit Peter Harry Carstensens präsidialem und jovialem Führungsstil kann man sicherlich sehr guteinen Agrarausschuss leiten. An der Spitze eines Bundeslandes ist so ein Führungsstil aber fehlam Platz. In allen großen politischen Krisen der letzten Jahre – von der HSH Nordbank-Affäre bis zum verkorksten Schulgesetz – ist der Ministerpräsident nicht oder allenfalls viel zu spät präsent 3gewesen. Dies wird nur noch schlimmer werden, jetzt wo er zwar Christian von Boetticher dieKapitänsmütze aufgesetzt hat, aber das Ruder vor der Landtagswahl nicht aus der Hand gebenwill. Dass die CDU beim aktuellen Zustand der Koalition Angst davor hat, dass Kollege vonBoetticher bei einer Abstimmung das Schicksal von Heide Simonis erleidet, ist verständlich. DassSchleswig-Holstein damit im machtpolitischen Bermudadreieick zwischen Carstensen, vonBoetticher und Kubicki strandet, ist aber eine vermeidbare Katastrophe.So weit, so gut – oder eher: so weit, so schlecht. Wir teilen wenig überraschend die Analyse, dassdie Landesregierung Probleme in der politischen Führung hat, dass die Interessen Schleswig-Holsteins besser wahrgenommen werden könnten und dass wir schnelle Neuwahlen brauchen.Allerdings sollte Oppositionspolitik ebenso wenig wie Regierungshandeln vonRückenmarkreflexen gesteuert sein. Deshalb müssen wir unser textanalytisches Verständnisauch auf diesen Antrag anwenden, und da kommt man ohne großen Aufwand zum Schluss, dassdiese Initiative für die Politik in Schleswig-Holstein annähernd bedeutungslos ist. Denn er ändertnatürlich nichts an den konkreten Problemen, die diese Landesregierung liegen lässt oder aucherst verursacht hat. Der Antrag stellt keine Alternative dar. Es mag sein, dass der eine Ministeroder die andere Ministerin überfordert ist oder dass die Führungsqualitäten des Minister-präsidenten auch nach knapp sechs Jahren im Amt nicht die notwendige Reife haben. DieseErkenntnis allein hilft aber nicht zum Beispiel den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften,Eltern und Schulträgern in diesem Land, die mit konkreten Problemen kämpfen. Das zeigt jaschon der Plan Christian von Boettichers, den jetzigen, unausgereiften Zustand des Schulwesensmit all seinen Problemen in Beton zu gießen.Es gibt sehr viele gute Gründe für eine baldige Neuwahl, die zur Lösung der Probleme beitragenkönnte. Nur dazu trägt dieser Debattenantrag nichts bei. Er wird nicht das Ende der CDU-FDP-Koalition einläuten, er bietet keine Lösungsansätze für konkrete Probleme und er wird nicht zueiner schnelleren Neuwahl führen. Die SPD hat im Gegenteil mit ihrem neuerlichen Vorstoß zum 4Wahlrecht zeitgleich dafür gesorgt, dass eine schnelle Einigung auf ein neues Wahlgesetz weiterin die Ferne gerückt ist. Die Vorschläge, die der Kollege Stegner am Freitag aus dem Hutgezaubert hat, werden die Konsensfindung eher sabotieren denn befördern.Liebe Kolleginnen und Kollegen!Die Politik in Schleswig-Holstein leidet seit 2005 darunter, dass stark auf Personen fokussiertwurde. Es wäre aber falsch, die Probleme der Politik allein bei diesen Personen zu suchen. Dennauch wenn ein Peter Harry Carstensen mit seiner lautstarken, jovialen Art viel in der Landschaftfüllt, wenn ein Ralf Stegner sich beharrlich Geltung verschafft, wenn ein Wolfgang Kubickiwortgewaltig posiert oder wenn ein Christian von Boetticher sich auf die Zehenspitzen reckt, istdas natürlich nicht die Landespolitik. Man muss ehrlicherweise eingestehen, dass es verkürztwäre, die Probleme einer Koalition allein einzelnen Personen und ihren mehr oder wenigerausgeprägten Führungsqualitäten zuzuschreiben. Wir und vor allem die Koalition müsseneinfach auch damit Leben lernen, dass CDU und FDP heute nicht mehr das „Dream-Team“ sind,das sie vielleicht früher noch waren. Damals galt noch Rot-Grün als die konfliktträchtige der zweimöglichen Koalitionsvarianten, weil die Grünen noch ein weniger lustvolles Verhältnis zur Machthatten als heute. Im 21. Jahrhundert ist auch Schwarz-Gelb keine leidenschaftliche Beziehungvon Seelenverwandten, sondern mehr denn je ein Zweckbündnis. Deshalb ist sie auch längstkein Selbstgänger mehr. Das hätten CDU und FDP eigentlich schon wissen müssen, als sie inSektlaune auf Sylt einen schemenhaften Koalitionsvertrag verhandelten. Viele Konflikte wurdeneinfach verschoben, indem keine konkreten Maßnahmen zur Umsetzung vereinbart wurden.Das einzige, worauf man sich verständigen kann, ist die Haushaltskonsolidierung. Die ist ohneZweifel auch wichtig, aber der Landtag besteht aus gutem Grund aus mehr als dem Finanzaus-schuss und dieser Teil der Politik kommt unter CDU und FDP eindeutig zu kurz. Unter diesemfundamentalen Mangel der schwarz-gelben Koalition wird Schleswig-Holstein bis zur Landtags-wahl leiden.