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Raobert Habeck zur Gedenkstättenarbeit in Schleswig-Holstein
Presseinformation Landtagsfraktion Es gilt das gesprochene Wort! Schleswig-Holstein Pressesprecherin TOP 52 – Gedenkstättenarbeit in Schleswig-Holstein Claudia Jacob Landeshaus Düsternbrooker Weg 70 Dazu sagt der Vorsitzende 24105 Kiel der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Telefon: 0431 / 988 - 1503 Robert Habeck: Fax: 0431 / 988 - 1501 Mobil: 0172 / 541 83 53 presse@gruene.ltsh.de www.sh.gruene-fraktion.de Nr. 376.11 / 30.06.2011Warum gelingt es in einem Land wie Schleswig-Holstein nicht, eine exemplarische Ebene der Erinnerungskultur zu erarbeiten?„Was unser Dorf erlebte, war derart grauenhaft, dass das Erleben zu schildern einfach unmöglich ist. Wir hatten auch hier, vor allem durch den Londoner Sender von den KZ gehört, aber nie für möglich gehalten, dass die Zustände derart satanisch waren“ – so schreibt Pastor Johannes Meyer in seine Kirchenchronik von Ladelund 1944.In Ladelund und Husum-Schwesing wurden Gefangene für den völlig sinnlosen Bau des Friesenwalls hingemordet. Sie standen im Novembermatsch auf den Körper ihrer zu- sammengebrochenen Kameraden und buddelten. Sie wurden erschlagen und erschos- sen und starben an Unterernährung. Die Aufseher wetteten, wie viele Schläge man brauche, um einen Insassen zu töten. Lange Zeit lag der Rekord bei drei Schlägen, bis auch der unterboten wurde.Meine Damen und Herren, Pastor Johannes Meyer selbst ist ein Beispiel für die Erinnerungsarbeit, die wir in Schleswig-Holstein leisten müssen. Er war überzeugter und früher Nazi, schrieb sogar einen Brief an Hitler, weil er nicht glauben wollte, dass dieser wisse, wie die Zustände in den KZs waren – und dennoch stellte er sich mit vollem Bewusstsein der Verbrechen des Faschismus und schrieb die Ereignisse im KZ Ladelund nieder. Welche Widersprü- che! Die Verführung und die Verfolgung des Faschismus – hier in unserem Land, ist sie beispielhaft zu besichtigen.Ich zitiere aus dem Bericht der Landesregierung mit Verlaub: „Seit 1997 fördert die Bundesregierung auf der Grundlage einer Gedenkstättenkonzeption Gedenkstätten und Projekte, wenn sie von nationaler und internationaler Bedeutung sind.“ Seite 1 von 2 Schlägt man in dem Bericht der Bundesregierung nach, haben folgende Länder Förde- rung erhalten: Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Thü- ringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin, Bre- men, Hamburg, Brandenburg.Aber nicht Schleswig-Holstein. Ist das zu fassen? 14 Jahre lang gibt es das Förderpro- gramm des Bundes und das Land ruft keine Mittel ab? Warum das so ist, kann man dem Bericht der Landesregierung indirekt entnehmen. Ich zitiere erneut:„Ein mit Bundesmitteln förderbares Projekt in Schleswig-Holstein könnte nur – abgese- hen von der nötigen Landesbeteiligung – gelingen, wenn ein gemeinschaftlicher Ansatz aller Gedenkstätten für eine zukünftige Vermittlungsarbeit mindestens auf eine national herausragende/exemplarische Ebene gehoben werden kann.“Ich entnehme daraus, dass das bisher nicht gelang. Und das ist der politische Kern die- ser Diskussion. Warum gelingt es in einem Land wie Schleswig-Holstein nicht, eine ex- emplarische Ebene der Erinnerungskultur zu erarbeiten? Am Gegenstand und an der Landesgeschichte kann es doch wohl kaum liegen.Denn eines will ich klar sagen: Die Bedeutung des Gedenkens der Opfer des National- sozialismus ist keine Frage der Menge! Es wäre pervers, wenn wir die Zahl der Ermor- deten zur Grundlage für den Anspruch auf Erinnerung machten. Was dieses Land und seine Geschichte aber beispielhaft zeigen kann, ist die enge Verwobenheit zwischen Militärischem und Zivilen, zwischen Verfolgen und Verführen.Kaum ein anderes Bundesland kann die enge Verwobenheit zwischen Verbrechen und Verführungspotenzial der Nazis so aufzeigen wie Schleswig-Holstein. Und was, wenn nicht das, hat eine nationale Bedeutung?Meine Damen und Herren, den selbstgenügsamen und selbstzufriedenen Gestus ihres Berichts teile ich weder im Ton noch in der Sache.Meine Damen und Herren, Die Verführung und die Verfolgung des Faschismus – hier in unserem Land, ist sie bei- spielhaft zu besichtigen.„Später Generationen mögen es für übertrieben halten, das stimmt nicht, im Gegenteil ist unsere Sprache zu arm, die geschehenen Gräuel nachzuerzählen“ – so beginnt die Chronik von Johannes Meyer. Weil die Worte nicht ausreichen, brauchen wir Orte der Erinnerung. *** 2