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01.07.11 , 16:05 Uhr
SSW

Flemming Meyer zu TOP 40 - Fortschreibung des Psychiatrieplanes

Presseinformation
Kiel, den 28. Juni 2011 Es gilt das gesprochene Wort



Flemming Meyer

TOP 40 Fortschreibung des Psychiatrieplanes Drs. 17/1584


Wer im Kreis Rendsburg-Eckernförde wohnt und sich informieren möchte über die
hiesigen Unterstützungsangebote bei eigener psychischer Erkrankung oder die einer
Freundes oder Familienmitgliedes, der ist erst einmal aufgeschmissen. Denn die
Erstellung eines psychosozialen Wegweisers mit Adressen, Sprechstunden und
Erreichbarkeit scheiterte an fehlenden Mitteln. Einen aktuellen psychosozialen
Wegweiser gibt es in Rendsburg-Eckernförde nicht.
Diese Information ist den Unterlagen zu unternehmen, den den Sozialausschuss im
Zusammenhang mit dem Novellierungsantrag zum Psychiatrieplan erreichten. Die
Stellungnahmen waren insgesamt sehr aufschlussreich und zeigten durchgängig, dass
eine Evaluierung der Regionalisierung im Bereich der Psychiatrie und eine
Bestandaufnahme der Einrichtungen von allen Experten befürwortet wurde. 2
Die Aktualisierung des Psychiatrieplanes ist also objektiv gegeben; einmal ganz
abgesehen von der Tatsache, dass die psychischen Erkrankungen zugenommen haben.
Die Regierungsfraktionen lehnen eine Bestandsaufnahme aber kategorisch ab und
wollen stattdessen auf Grundlage veralteter Strukturen und Zahlen weiterwursteln
lassen. Damit werfen sie Schleswig-Holstein genau dorthin, wo es vor dem aktuellen
Psychiatrieplan 2000 schon einmal war: ans Ende der bundesdeutschen
Psychiatrieentwicklung.
Das ist keine Frage des Prestiges, sondern eine Frage der patientengerechten
Versorgung. Das zeigen bereits die langen Wartelisten für psychisch Kranke. Laut
Bundestherapeutenkammer beträgt die Wartezeit auf ein Erstgespräch in Schleswig-
Holstein über 14 Wochen – das ist der allerhöchste Wert in Westdeutschland. Ein
trauriger Rekord. Die unabhängige Patientenberatung beklagt Wartezeiten von einer
Dauer bis zu einem Jahr in Schleswig-Holstein.
Was tun, um diese enormen Wartezeiten zu überbrücken? Selbsthilfegruppen könnten
hier effektive Unterstützung leisten, wenn sie in den letzten Monaten nicht kaputt
gespart worden wären. Also: Griff in den Medikamentenschrank zu den
Psychopharmaka. Die Techniker-Krankenkasse Schleswig-Holstein hat errechnet, dass
bei ihren Patienten das Verordnungsvolumen von Antidepressiva in den Jahren 2006 bis
2009 um 48 Prozent von 5,1 auf 7,5 Tagesdosen je Erwerbsperson gestiegen sei. Geht das
so weiter, wird sich das Verordnungsvolumen bereits im nächsten Jahr verdoppelt
haben.
In Schleswig-Holstein macht man ohne aktuelle Fortschreibung einfach so weiter wie
gehabt und ignoriert die sich rapide verändernden Rahmenbedingungen. Handlung
ohne Plan und Wissen: das ist das krasse Gegenteil von geordneter Sozialplanung. Wir
leisten uns einen sehr teuren Blindflug, weil wir nicht wissen, ob die eingesetzten Mittel 3
sachgerecht eingesetzt werden. Psychopharmaka sind nämlich teuer und - die
Verordnungsexplosion legt es zumindest nahe - eine vermeidbare Alternative. Gäbe es
ausreichende Therapieangebote, könnte man sich diese Ausgaben sparen.
Die Regierungsfraktionen sind dagegen durchaus zufrieden mit Struktur, regionaler
Verteilung, Regionalisierung der Angebote und deren Vernetzung. Wäre es nicht so,
müssten sie sich den Oppositionsparteien anschließen und eine detaillierte Analyse der
psychiatrischen Angebote fordern. Stattdessen geben die Regierungsfraktionen den
Reiter über den Bodensee und ignorieren das brüchige Eis der Tatsachen. Bloß nicht
wahrnehmen, welche Fehlentwicklungen sich im Land abzeichnen; und immer schön
weiter reiten.
Übrigens, der Reiter in der Ballade von Gustav Schwab ist, nach seiner verwegenen Tat,
tot vom Pferd gefallen.

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