Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
Anke Spoorendonk zu TOP 32 - Keine weitere Verschärfung der dänischen Grenzkontrollen
Presseinformation Kiel, den 24.08.2011 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 32 Keine weitere Verschärfung der dänischen Grenzkontrollen (Drs. 17/1717)In einem sind wir uns alle einig. Eine permanente, technologisch hochgerüstete Zollkontrollean den Grenzübergängen zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark ist keine gute Idee. Siewiderspricht nicht nur dem Grundgedanken der offenen Grenzen, die in vielerlei Hinsicht eineschützenswerte europäische Errungenschaft sind. Sie ist auch schädlich für den grenz-überschreitenden Arbeitsmarkt, die Wirtschaft und das kulturelle Zusammenwachsen derdeutsch-dänischen Grenzregion. Wir haben im letzten Jahrzehnt erlebt, dass Dänen undDeutsche enger zusammengerückt sind, weil Barrieren mühsam abgebaut und die grenz-überschreitende Zusammenarbeit verstärkt wurde. Mit neuen Kontrollen und Grenzanlagenwerden psychologisch wie materiell neue Barrieren errichtet. Deshalb haben wir gegen denBeschluss Dänemarks protestiert, wieder permanente Grenzkontrollen einzurichten.Der Landtag hat bereits am 26. Mai fraktionsübergreifend, ja sogar einmütig dafür geworben,dass die dänische Regierung ihre Entscheidung überdenkt. Diese Botschaft ist in Dänemarkauch sehr wohl angekommen. Die Einmischung aus Kiel ist trotz ihres diplomatischen Tons so 2manchem – nicht nur in der Dansk Folkeparti – extrem sauer aufgestoßen, aber die Botschaftwurde gehört. Die innenpolitische Diskussion in Dänemark, in der der SSW eine prominenteRolle gespielt hat, und der außenpolitische Druck aus Deutschland und Brüssel haben Wirkunggezeigt. Ein Teil jener Parteien, die zuerst den Beschluss begrüßten, vor allem die oppositio-nellen Sozialdemokraten und Sozialisten, hat schnell die Meinung geändert. Aber auch imRegierungslager ist erkennbar etwas geschehen, seitdem die Frage der Grenzkontrolle imFrühjahr über Wochen politisches Topthema in Dänemark war. Der Bau von Gebäuden undScannern wurde auf die Zeit weit nach der Wahl verschoben und wird hoffentlich nie erfolgen.Die Zollkontrollen, die heute wirklich durchgeführt werden, sind sporadisch und wenigintensiv. Sie entsprechen ganz offensichtlich nicht dem, was die Regierung angekündigt hat,und was die Befürworter der Grenzkontrollen erwarten. Insofern hat die kritische Auseinander-setzung in der dänischen Öffentlichkeit bereits etwas erreicht.Trotzdem – und das bleibt entscheidend – ist der Beschluss nicht zurückgezogen worden. Esbleibt das offizielle Ziel der dänischen Regierung, „permanente“ Zollkontrollen einzurichtenund feste Grenzstationen zu bauen, die nicht nur mit Zöllnern bemannt sondern auch mitVideoüberwachung, automatischen Kennzeichenscannern und Röntgenscannern ausgerüstetwerden. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich gelinde gesprochen pikant, dass die dänischeRegierung ausgerechnet jetzt eine große Anlage zur Verkehrslenkung an der AutobahngrenzeEllund/Frøslev einrichten will.Diese Anlage wurde schon 2008 geplant und hat ursprünglich nichts mit dem Grenzkontroll-Beschluss von 2011 zu tun. Isoliert betrachtet geht es hier um eine technische Anlage, die auchohne die permanenten Grenzkontrollen Sinn macht. Der Aufbau von Leuchttafeln undAbsperrungen wurde 2008 beschlossen, um bei besonderen Gefährdungslagen zeitbegrenztintensive Polizeikontrollen durchführen zu können. Er sollte außerdem die Arbeit der Zöllnersicherer gestalten, die auch schon vorher dort stichprobenartig kontrolliert haben – aber dafürjedes Mal über die Autobahn turnen mussten, um eine provisorische Verkehrslenkung einzu-richten. Dies ist eindeutig durch den Schengener Vertrag gedeckt. Diese Anlage könnte sogar 3dazu beitragen, den Verkehr über die Grenze flüssiger zu gestalten, weil sie die bisherige per-manente Drosselung ersetzt und die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Zeiten beschränktwerden kann, an denen kontrolliert wird. Soweit die isolierte Betrachtungsweise.Aber natürlich passt diese Anlage nur allzu gut ins Bild, dass Venstre, Konservative und DanskFolkeparti mit ihren neuen Grenzplänen gezeichnet haben. Demnach soll auf der Autobahn derVerkehr verlangsamt und zumindest zeitweise, möglicherweise auch permanent, durch einensechsspurigen Kontrollbereich geleitet werden. Auch dafür wären die Leuchttafeln undAbsperrungen gut geeignet. Wir können also bei der heutigen Bewertung der Anlage nichtignorieren, dass wir uns politisch in einer anderen Situation befinden.Für Schleswig-Holstein hat diese dänische Anlage eine besondere Qualität, weil sie notge-drungen südlich der Grenze gebaut werden muss. Wenn die Auto- und LKW-Fahrer auf derdänischen Kontrollfläche gleich hinter der Grenze zum stehen kommen sollen, müssen sieschon in Deutschland auf die Bremse treten. 2008 war dies aber noch kein Problem und sowohldie Bundesregierung als auch die CDU-SPD-Landesregierung haben den Wunsch der Dänenunterstützt. 2011 ist dies nun ein Problem. Aber vielleicht ist es auch eine Chance. Denn es gibtdem Land Schleswig-Holstein die Möglichkeit, in einen Dialog mit der dänischen Regierungeinzutreten und ernst genommen zu werden. Eben aus diesem Grund hält der SSW nichtsdavon, hier und heute zu beschließen, dass die Landesregierung die Absprache mit Dänemarkbrechen und die Genehmigung dauerhaft zurücknehmen soll. Die Landesregierung muss derdänischen Regierung erklären, dass Schleswig-Holstein diese Anlage nicht unterstützt, wennnicht ausgeschlossen werden kann, dass diese für dauerhafte Kontrollen genutzt wird. Siesollte der dänischen Regierung klarmachen, dass Schleswig-Holstein keine Bauarbeitendiesseits der Grenze wünscht, solange diese Frage nicht geklärt ist. Das reicht allemal.Es gibt noch einen guten Grund, weshalb es fehl am Platz ist, undiplomatisch vorzupreschenund die Genehmigung zum Bau der Anlage zurückzuziehen. Innerhalb der nächsten 12 Wochenwird in Dänemark eine Parlamentswahl stattfinden. Egal, ob diese nun vom linken oder rech- 4ten Block gewonnen wird, sind Änderungen am Grenzkontrollbeschluss durchaus wahr-scheinlich. Auch vor diesem Hintergrund möchte ich davor warnen, diesen Konflikt jetzt zuüberhitzen. Der dänische Beschluss zur Einrichtung von permanenten Grenzkontrollen wardadurch gekennzeichnet, dass er die außenpolitische Wirkung ausgeblendet hat und reininnenpolitisch motiviert war. Es wurde einfach ignoriert, dass eine Grenze immer zwei Seitenhat. Wir sollten jetzt nicht denselben Fehler begehen. Deshalb möchte ich auch in allerDeutlichkeit sagen: Wer glaubt, dass er irgendwas zur Problemlösung beiträgt, indem er seineneuropapolitischen Heiligenschein putzt oder in Richtung Landesregierung „Skandal!“ ruft, derhandelt fahrlässig. Dies ist auch nicht der richtige Platz, um allgemeine Frustrationen über denEinfluss der Rechtspopulisten auf die dänische Regierungspolitik und auf die Politik vielerParteien in Dänemark los zu werden.Wer wirklich erreichen will, dass Dänemark dauerhaft die permanenten Grenzkontrollen undden Bau von Grenzanlagen beerdigt, der verzichtet jetzt besser darauf, diese Debatte über einean sich harmlose Anlage zur Verkehrslenkung auf die Spitze zu treiben und den Landtagauseinander zu dividieren. Denn damit riskiert man, in Dänemark genau das Gegenteil zuerreichen. Wir sollten nicht jenen Kräften in die Hände spielen, die immer wieder gern denEindruck vermitteln, dass das größere Deutschland sich immer noch gern mit aller Macht in diePolitik der kleinen Nachbarn einmischt, wenn sie ihm nicht in den Kram passt. Das sind nämlichdieselben Kräfte, die gar nicht Grenze genug bekommen können.Und ein letztes muss klar sein: Wenn Dänemark seine Pläne für eine permanente Grenz-kontrolle zurückzieht, dann spricht nichts gegen die Einrichtung einer Anlage zur Verkehrs-lenkung, die für sporadische Kontrollen oder auch in besonderen Lagen genutzt werden kann.Entscheidend ist nicht die Technik, sondern wie sie genutzt wird. Wir wollen nicht, dass dieAnlage bei Ellund/Frøslev zu einem Baustein in einer permanenten Grenzkontrolle wird. DiesesZiel sollte unser Handeln bestimmen. 5Der erste Beschluss des Landtages vom 26. Mai wurde einstimmig beschlossen. Wir haben unsfraktionsübergreifend dafür eingesetzt, dass Dänemark den Beschluss zur Einrichtungpermanenter Grenzkontrollen, zum Bau von Kontrollgebäuden und zur massiven Installationvon Überwachungstechnik an den Grenzübergängen umsetzt. Darin lag seine Stärke und dashat ihm auch nördlich der Grenze eine besondere Durchschlagskraft verliehen. Umso wichtigerist es, dass wir uns auch in der aktuellen Sache um einen gemeinsamen Standpunkt bemühen.