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Anke Spoorendonkzu TOP 18 - Verantwortliche Finanzpolitik für ein starkes Europa
PresseinformationKiel, den 15. September 2011 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 18 & 39 Verantwortliche Finanzpolitik für ein starkes Europa Drs. 17/1768, 17/1815, 17/1816In den letzten zehn Jahren sind wir Zeugen geworden, wie einer der zentralen Glaubenssätze desKapitalismus seine Gültigkeit verlor. Die Annahme, dass wirtschaftlicher Wachstum demWohlstand der Gesellschaften dient, hat sich in Luft aufgelöst, seitdem Hedgefonds undRatingagenturen nicht davor zurückschrecken, selbst die Weltmächte aufs Korn zu nehmen.Diese Marktkräfte sind keine Naturgewalten. Die Schritte zur Etablierung der neuen Finanz-märkte waren aktive politische Entscheidungen. In Deutschland wurden Hedgefonds undKreditderivate 2004 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung zugelassen. Aber die neueFinanzwelt ist kein Freund der Politik und kennt keine moralischen Maßstäbe. Das sehen wirspätestens jetzt, wo Staaten und ihre Währungen zu Jagdwild werden. Wenn die Politikregulierend eingreifen kann, um die Banken zu stützen, dann hat sie auch die verdammte Pflicht,dafür zu sorgen, dass die Finanzindustrie nicht unsere Demokratien zerstört. Deshalb unter-stützen wir die Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer und einer rigiden Regulierung derFinanzmärkte. Aber es wird – wenn überhaupt – noch lange dauern, bis die Söldner der Finanz-wirtschaft wieder entwaffnet sind. Zu Einflussreich ist ihre Lobby, zu groß ist ihre wirtschaftliche 2Bedeutung für die großen Finanzstandorte wie London. Solange sie weiter marodierend durchdie Welt ziehen, schwindet aber das Vertrauen der Menschen in die Handlungsfähigkeit und dieSouveränität der Parlamente und Regierungen und damit in die Demokratie insgesamt.Wenn etwas durch die deprimierende jüngere Geschichte der Finanzwirtschaft deutlich wird,dann ist es, dass man aufpassen soll, welche Geister man ruft. Dies gilt auch für die Frage, wiesich angesichts der Griechenlandkrise die Ökonomie der Eurozone retten lässt. Der SSW hat dieEinführung des Euro mit großer Skepsis verfolgt – aus guten Gründen, die wir heute bestätigtsehen. Aber es gibt kein Zurück mehr. Wenn wir vor einem weißen Blatt Papier säßen, dann wärees richtig, die anderen 16 Euroländer zu entlasten und Griechenland wieder die Handlungsspiel-räume zu geben, die eine eigene Währung bietet. Aber die Folgen dieses Schrittes wären in derRealität derart gravierend und unüberschaubar, dass er keine wirkliche Option ist. Es kann nurum die Frage gehen, wie innerhalb des bestehenden Systems eine Rettung erfolgen kann, die dieAttacken der Finanzmärkte auf den Euro stoppt und den Griechen einen Neuanfang ermöglicht.Die bisherige Politik ist dazu nicht geeignet. Denn es bringt nichts, nun im besten Stile der Welt-bank und des IWF neoliberale Reformen durchzudrücken und allein auf massive Kürzungen undPrivatisierungen zu setzen. Diese Maßnahmen haben den Effekt gehabt, dass der letzte Rest angriechischer Wirtschaft abgewürgt wurde. Ohne eine funktionierende reale Wirtschaft wird esdort aber keine Steuereinnahmen, keine nachhaltige Haushaltskonsolidierung und keine Arbeits-plätze geben. Natürlich braucht die Eurozone eine Schuldenbremsung. Sie muss aber ein Mixaus Ausgabenkürzungen und Einnahmesteigerungen sein, ansonsten endet die Diät tödlich. Vorallem aber löst der Schuldenabbau allein nicht die wirtschaftsstrukturellen Probleme des Landes.Ohne eine gezielte Förderung der Wirtschaft wird Griechenland niemals wieder auf die Beinekommen. Insofern ist die Diskussion darüber, ob die Eurozone sich zu einer Transferunionentwickelt, auch recht theoretisch. De facto ist sie es schon, indem die Regierungen notge-drungen die „No bailout-Klausel“ übergangen und Milliarden in riesige Rettungsschirmegepumpt haben, die Griechenland am Ende gar nicht abbezahlen kann. Die Währungsunion kann 3gar nicht anders als eine Transferunion sein, weil sie aus politischen Gründen Mitgliedsländeraufgenommen hat, die nicht für einen so starken Euro gebaut sind.Die Frage ist allerdings, welche Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen werden. DieAnträge der SPD und der Grünen geben, wie viele Stimmen in der deutschen Debatte, die Losungmehr politische Integration aus. Diese Forderung nach einer Zentralisierung hat in der deutschenPolitik eine lange Tradition. Aus der aktuellen Eurokrise einen Imperativ für eine Wirtschafts-regierung, Eurobonds oder gar für die Vereinigten Staaten von Europa abzuleiten, ist aber eintheoretisches Unterfangen, das mit der Wirklichkeit Anno 2011 sehr wenig zu tun hat.Selbst die größten Idealisten kommen nicht um die Realität herum, dass ein allzu forschesVorgehen die Union als solche bedroht – und zwar von zwei Seiten. In den betroffenen Ländernbegehrt die Bevölkerung auf. Die Menschen wollen Zukunftschancen, die ihnen durch dasmassive Sparen geraubt werden. Nicht umsonst warnt die UNO davor, dass ihre Menschenrechtebedroht sind. Die Menschen wollen eine Zukunft, aber sie wollen auch ihre Selbstbestimmungwahren. Sollten die größeren, reicheren Euro-Länder hier zu sehr als Besserwisser auftreten undihre Macht ausspielen, wird es nur kontraproduktiv wirken. Das Projekt Europa, das ja nichtzuletzt auf der historisch begründeten Hoffnung baut, die großen Länder in Europa undinsbesondere Deutschland zu bändigen, wäre ad absurdum geführt.Parallel zum Frust in den Krisenländern wächst der Unmut in den anderen Ländern, die in einenRettungsfonds nach dem anderen einzahlen. Die Menschen dort haben das Gefühl, um dieeigene Wirtschaftsleistung und die eigenen sozialen Errungenschaften gebracht zu werden.Diese Stimmung muss ernst genommen werden. Dass auch hier nicht gerade die Einheitseu-phorie vorherrscht, sollte man nicht als Populismus abtun, denn das Projekt EU kann nie besserwerden als das, was die Bevölkerung will und zulässt. Ansonsten wird es undemokratisch.Durch die Reaktionen der Bevölkerungen in den Geber- und Nehmerländern, die teilweise schonals soziale Unruhen bezeichnet werden müssen, wächst der Abstand zwischen den Bürgern, der 4Politik und den europäischen Institutionen. Die Gefahr der Entfremdung wird aber noch vielgrößer, wenn Deutschland nun glaubt, die Krise durch eine massive Zentralisierung bewältigenzu müssen. Die Folge wäre eine weitere Spaltung, die auch das Herz der europäischen Zusam-menarbeit zu zerreißen droht. Wir kommen nicht umhin, dass Europa heute schon geteilt ist.Wir haben eine EU der 27, eine Währungsunion der 17 und europäische Länder außerhalb der EU.In dieser Situation ist es fatal, dass Deutschland jetzt mit dem Gedanken einer EU der zweiGeschwindigkeiten spielt. Wenn die 17 Euroländer gemeinsam vorpreschen – sofern sie sich denndarauf verständigen können – dann führt dieses nicht dazu, dass die anderen dem früher oderspäter willig folgen. Es wird keine Mehrheiten für solche Änderungen der EU-Verträge und dernationalen Verfassungen geben. Dies gilt erst recht für jene Länder, wo dafür Volksabstimmun-gen erforderlich sind und für die strukturschwächeren Staaten. Das Beispiel Griechenlands zeigtja gerade, dass schwache Volkswirtschaften besser dastehen, wenn sie die Möglichkeit behalten,ihre Währung abzuwerten und so international wettbewerbsfähig zu bleiben.Die Befürworter einer politischen Union verweisen darauf, dass Europa ohne eine Zentralisierungder politischen Macht in der Globalisierung nicht als ökonomische Macht bestehen kann. Siemüssen sich aber vorwerfen lassen, dass sie der bisherigen europäischen Zusammenarbeit einenanderen Sinn geben. Denn sie bringt den entscheidenden Glaubenssatz der EWG, der EG undheute der EU in Gefahr. Die europäische Idee war ein Friedensprojekt, das auf die gleichberech-tigte Mitwirkung aller Länder in Europa baut. Wer dieses Projekt nun umdeutet und einen Weggeht, der nicht mehrheitsfähig ist, spaltet die Europäische Union und verabschiedet sich vondiesem Ziel. Das sollte dann ehrlicherweise auch klar gesagt werden.Die EU und die Eurozone stehen vor der großen Herausforderung, dass eine größere wirtschaft-liche Solidarität erforderlich ist, ohne dass eine größere politische Integration Europas möglichwäre. Jenseits der unrealistischen Gedankenspiele mit einer europäischen Wirtschaftsregierung,einem europäischen Finanzminister oder Eurobonds gibt es nur Lösungen, die die nationaleSouveränität achten – was ja auch für Deutschland nicht irrelevant ist, wie das jüngste Urteil des 5Bundesverfassungsgerichts zeigt. Verbindlichere Regeln, wie die Verankerung von Schulden-bremsen in den nationalen Verfassungen, können ein Weg sein, um die Neuverschuldung abzu-bauen – durch Kürzungen ebenso wie durch Einnahmeverbesserungen. Im Zweifel muss dieStärkung der Wirtschaft und ihrer Wettbewerbsfähigkeit, die nachhaltig sowohl für Steuer-einnahmen wie für Arbeitsplätze sorgen, Vorrang vor Kürzungen haben. Deshalb müssen dieLänder auch zyklische Haushaltsdefizite haben dürfen, bis sie sich wirtschaftlich erholt haben.Zu einer soliden Lösung für Griechenland gehört zudem, dass nicht nur auf die Staatsschuldenfokussiert wird, sondern auch auf die ökonomischen Voraussetzungen, die dem Land innerhalbeiner Union mit einer starken Währung heute keine Chance geben. Da eine Spaltung der Euro-Zone für die Griechen wie für den Rest katastrophale Folgen hätte, muss man in Betracht ziehen,die griechische Wirtschaft durch eine gezielte Wirtschaftsförderung, eine Art „Marshall-Plan“,auf Wachstumskurs zu bringen und wettbewerbsfähig zu halten.Was in Südeuropa die Menschen auf die Straße treibt, in Deutschland Unmut auslöst und dieFinanzmärkte in Unruhe versetzt, sind nicht nur die Schulden der Griechen, sondern auch dasTaktieren und Lavieren der Regierungen in der aktuellen Krise. Sie wollen vor allem eins: dass diePolitik ehrlich und realistisch ist. Es muss endlich klar gesagt werden, dass wir innerhalb derWährungsunion alle in einem löchrigen Schiff ohne Rettungsboote sitzen und dass die reicherenLänder jetzt schnell die Reparatur zahlen müssen, bevor der Dampfer absäuft. Das mag weh tun,aber alles andere ist fahrlässige Augenwischerei.