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Flemming Meyer zu TOP 11+18 - Gesundheitsstrukturgesetz
PresseinformationKiel, den 06. Oktober 2011 Es gilt das gesprochene WortFlemming MeyerTOP 11+18 Gesundheitsstrukturgesetz Drs. 17/1782Was ist das Gesundheitssystem? Da stellen wir uns mal ganz dumm und sagen: das ist einschwarzer Kasten, in den viel Geld hineinfließt. So, oder so ähnlich stellt sich offensichtlich dieBundesregierung das Gesundheitssystem vor. Weil man sich in Berlin gar nicht mit denEinzelheiten belasten möchte, pumpt man einfach noch mehr Geld hinein. Nicht das eigene,selbstverständlich, sondern das Geld der gesetzlich Versicherten. Dann wird schon eineangemessene medizinische Versorgung mit regionaler Gleichverteilung dabei heraus kommen.Und wenn nicht, so wie jede der so genannten Gesundheitsreformen hinlänglich unter Beweisstellte, dann steckt man einfach noch mehr Geld hinein. Zuzahlung, Beitragserhöhung, IGeL-Leistungen und Zusatzbeiträge, die Versicherten bezahlen und bezahlen.Die Anreizmechanismen bleiben weitgehend unangetastet. Wenn man allerdings genauerhinsieht, muss man feststellen, dass das neue Versorgungsstrukturgesetz sogar dieEinzelinteressen noch besser bedient als das bereits jetzt der Fall ist. Beispiel: Überversorgung.Sie bleibt unangetastet. Im Gegenteil, die Vergütungsbedingungen der Ärzte werden verbessertund die Richtgrößenprüfung soll entfallen. Darüber hinaus sollen auf der Nahtstelle zwischenambulanten und stationären Sektor neue ambulante spezialärztliche Versorgungspraxen 2eingeführt werden. Geschätzte Kosten: 500 Mio. Euro. Parallel verlängern sich die Wartezeitenfür die gesetzlich Versicherten auf einen Termin bei einem Facharzt in unerträglicher Weise. KeinWunder, dass der Zwischentitel des ersten Entwurfs des Versorgungsstrukturgesetzes: „DasAngebot vom Bedarf des Patienten her gestalten“ zwischenzeitlich entfallen ist. Nicht diePatienten geben den Takt vor, sondern die Anbieter.Na gut, mag man einwenden. Das Gesundheitssystem ist eben sehr kompliziert, dass man sichan einem Umbau schnell verheben kann. Wenn dann die Qualität und Versorgung einigermaßengesichert bleibt, ist mancher bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Genau das ist aber nichtgewährleistet, zum Beispiel bei der psychotherapeutischen Versorgung. Die ist festgefroren aufGrundlage ungerechtfertigter Durchschnittswerte. Die Psychotherapeuten befürchten, dass nachdem vorliegenden Gesetz sogar bis zu 6.000 Psychotherapeuten-Praxen geschlossen werden.Patienten werden also zukünftig im Krankenhaus landen oder bei ihrem Hausarzt.Uns droht bis 2020 ein massiver Ärztemangel, höre ich von Ärztevertretern. Tatsächlich? Nein!Bis 2020 werden 100.000 Absolventen die Fakultäten deutscher Hochschulen verlassen. Rechnetman alle ab, die nicht direkt in den Medizinerberuf gehen, werden immerhin noch fast 90.000Ärztinnen und Ärzte neu hinzukommen und die schätzungsweise 52.000 niedergelassenen und20.000 Krankenhausärzte gut ersetzen können, die bis dahin aus Altersgründen ausscheiden. Sorechnet der Bundesverband der AOK vor. Die Herausforderung besteht in der Verteilung. DieÜberversorgung der Ballungsräume muss gekappt werden, indem wirkungsvolle Richtgrößeneingeführt werden.Das Gesetz ist durchzogen von richtigen Zielen. Die Maßnahmen, die daraus folgen, sind aberüberwiegend falsch. Da, wo sich etwas ändern soll, wiederholen sich die Fehler aus derVergangenheit.Das zeigt ein anderes Beispiel: die Einbindung der Länder. Unbestritten ist, dass die regionaleVerantwortung gestärkt werden muss. Die Länder sollen mehr eingebunden werden; bleibenaber in Sachen Finanzströme außen vor. Sie werden sogar im innerdeutschen Wettbewerbgezwungen sein, höhere Vergütungs- und Versorgungsstrukturen durchzusetzen. 3Dagegen haben die Patienten, obwohl sie alles bezahlen, nur sehr geringe, faktischeEinflussmöglichkeiten. Das ist doch verkehrte Welt. Sie müssen tatenlos mit ansehen, wie dieÖkonomie die Oberhand gewinnt. Fachärzte wenden immer mehr Arbeitszeit für privatabgerechnete IGe-Leistungen auf. Darüber hinaus steigt die Zahl der MRT-Untersuchungen, weilsich die teuren Geräte für die niedergelassenen Ätzte, die sie angeschafft haben, auch rentierenmüssen. Deutschland ist MRT-Weltmeister! Natürlich muss ein Arzt rechnen und kalkulierenkönnen. Was wir aber derzeit erleben, ist die konsequente Durchrechnung desPatientenaufkommens. Und damit ständig wachsende Kosten in einem System, in dem dasAngebot die Kosten bestimmt.Das Gesundheitssystem soll Krankheiten heilen, Patienten versorgen und Gesundheit bewahren.Stattdessen wird das Gesundheitssystem immer mehr zu einer Geldbeschaffungsmaschine zuLasten der gesetzlich Versicherten.Das vorgelegte Strukturversorgungsgesetz soll diesen Mechanismus noch mehr ölen. Das lehnenwir ab.