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Anke Spoorendonk zu TOP 43 - Für ein starkes Europa
Presseinformation Kiel, den 15.12.2011 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 43 Für ein starkes Europa Drs. 17/2087Vieles spricht dafür, dass sich der Europa-Ausschuss des Landtages regelmäßig nach Brüsselbegeben sollte, um sich vor Ort über europapolitische Themen zu informieren. Denn einessollte uns bei unserem letzten Besuch bewusst geworden sein: aus Brüsseler Sicht sieht daseuropäische Geschehen anders aus als aus Berliner oder aus Kieler Sicht. Auch derInformationsaustausch mit den schleswig-holsteinischen Europaabgeordneten und denMitgliedern des Europa-Ausschusses auf Bundesebene sollte intensiviert werden. Nur so wirdes uns gelingen, eigene Einflussmöglichkeiten auszuloten und eine europapolitische Debattezu führen, die unseren Ansprüchen als Parlament gerecht wird. Es reicht mir also nicht zusagen: „Schön, dass wir darüber geredet haben!“Auch, wenn wir uns als Landtag mit der Debatte zu den beiden vorliegenden Anträgen –mitdem Ursprungsantrag der SPD-Fraktion und dem Änderungsantrag von CDU und FDP – an derallgemeinen politischen Meinungsbildung beteiligen, wäre ein ambitionierteres Vorgehenunserer Meinung nach wünschenswert. Zum einen läuft das Gesetz zum Europäischen 2Stabilisierungsmechanismus auch über den Bundesrat. - Schon im Sommer hatten sich dieBundesländer für eine umfassende und zeitnahe Unterrichtung ausgesprochen. Zum anderenwissen wir seit der Bundestagsdebatte zur Regierungserklärung der Bundeskanzlerin, dass dieBeschlüsse des EU-Gipfels nicht ohne Probleme sind. Einige Presseberichte sprechen sogardavon, dass Angela Merkel mit den Beschlüssen des Schuldengipfels an den Rand der Legalitätgegangen ist. Fest steht, dass der Beschluss, die Kreditlinie des InternationalenWährungsfonds IWF zu erhöhen – ein knappes Drittel davon kommt aus Deutschland – nichtohne weiteres umzusetzen sein wird. Man könnte nämlich zu recht meinen, dass damit derBundestagsbeschluss, wonach insgesamt nur 211 Milliarden Euro für die Währungsrettungausgegeben werden darf, umgangen wird. Der Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, machteöffentlich aus seinem Unbehagen keinen Hehl: der Umweg über den IWF könnte als verkappteStaatsfinanzierung entlarvt werden, und genau dies ist den Notenbanken nicht erlaubt. Umaus dieser Zwickmühle herauszukommen, wünscht sich die Bundesbank, dass der Bundestagdas Vorgehen absegnet. – Und damit geht dieser Sachverhalt uns alle an!Aus parlamentarischer Sicht ist ein anderer Punkt des Schuldengipfels aber von noch weitreichender Bedeutung: Soll sich die Europäische Union zu einer Fiskalunion weiterentwickelnmit konkreten Eingriffsrechten für die Kommission und den Europäischen Gerichtshof, danngibt es ein verfassungsrechtliches Problem, das nicht einfach von der Hand zu weisen ist. ImGrundgesetz steht, dass allein der Bundestag über den Haushalt des Bundes entscheidet. Daspasst also ausgesprochen schlecht mit den Beschlüssen des EU-Gipfels zusammen, denn ohneZugriffsrechte auf die Etats gibt es keine Möglichkeit, das überzogene Schuldenmachenklammer Staaten zu verhindern. Diese Grundsatzdiskussion wird auch auf europäischer Ebenegeführt werden – und in den anderen nationalen Parlamenten der Euroländer.Es ist sicherlich unumgänglich, dass die Europäische Union mit dem neuen Stabilitätspakt denFinanzmärkten signalisiert, dass die Zeit des ungehemmten Schuldenmachens vorbei ist. Mankönnte sogar behaupten, dass der neue Pakt einen Kompromiss ermöglicht: Die EZB löst dasSchuldenproblem der Vergangenheit, die Regierungen grenzen das Risiko für die Zukunft ein.Die Schwachpunkte in dieser Argumentation habe ich schon aufgezeigt. 3Für den Schleswig-Holsteinischen Landtag sollten aber eben diese Schwachpunkte in denMittelpunkt der Debatte gerückt werden. Hinzu kommt dann noch die ganz zentrale Frageüber die Zukunft der Europäischen Union als Ganzes. Denn Fakt ist: Seitdem GriechenlandsSchuldenkrise und andere Pleitekandidaten die Euro-Zone belasten, ziehen sich durch diegesamte EU zahlreiche Risse. Und das deutsche Vorgehen in der Krise kann dazu führen, dassdie Europäische Union zerfällt. Es sollte uns Sorgen bereiten, dass die Bundesrepublik in denletzten Monaten ihre Europapolitik grundlegend geändert hat und damit zur ZersplitterungEuropas beiträgt: Wir haben eine EU der 27 – bald der 28, eine Währungsunion der 17 undeuropäische Länder außerhalb der EU. Seitdem der britische Premier sich den Bemühungen umeine gemeinsame Fiskalpolitik der EU verabschiedet hat, haben wir zusätzlich eine „Koalitionder Willigen“ – der 17 Euroländer und sechs anderer Staaten. Es wäre aus Sicht des SSW tödlichfür die Europäische Union, wenn die 17 Euroländer jetzt auf Drängen Deutschlands undFrankreichs weiter gemeinsam vorpreschen und sich stärker politisch integrieren, denn diesführt ja nicht dazu, dass die zehn anderen dem früher oder später folgen und derWährungsunion beitreten. Es wird keine nationalen Mehrheiten für solche Änderungen derEU-Verträge und der Verfassungen geben. Dies gilt erst recht für jene Länder, wo dafürVolksabstimmungen erforderlich sind. Das zeigt sich jetzt schon!Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist die Gemengelage, und daher werden wir heute nichteinfach den Parteitagsbeschluss der Bundes-SPD oder die Linie von Angela Merkelsanktionieren. Wir werden und bei der Abstimmung der Stimme enthalten und fordern, dassbeide Anträge im Europa-Ausschuss weiter beraten werden, um dort hoffentlich zu einergemeinsamen Position des Schleswig-Holsteinischen Landtages zu kommen.