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Anke Spoorendonk zu TOP 25, 28, 31, 33, 34, 36 + 37 - Bildungspolitik
PresseinformationKiel, den 22. Februar 2012 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 25, 28, 31, 33, 34, 36 + 37 Bildungspolitik ist Lebenschance, Unterrichtsausfall erfassen, Friesischunterricht an den Schulen ausweiten, Kein Kind zurücklassen – Ausbau der Lese- und mathematischen Förderung, Stärkung der Sprachförderung, Keine Streichung von Lehrerstellen zum kommenden Schuljahr Drs. 17/2231 & 17/2253 & 17/2258 17/2260 & 17/2261 & 17/2274Wer mit offenen Ohren durchs Land geht, der kann mit Leichtigkeit das Themabenennen, das die Menschen in Schleswig-Holstein umtreibt und verunsichert: Das sinddie Themen Bildung und Schule. Infratest hat 1.000 Bürgerinnen und Bürger gefragt undso wie in den anderen norddeutschen Bundesländern auch, zeigt sich das Thema Bildungwieder als Dauerbrenner.In Schleswig-Holstein nennt mehr als jeder fünfte Befragte die Themen Schule undBildung als ausschlaggebend für seine bzw. ihre Wahlentscheidung. Zu denHintergründen dieser Gemengelage gehört zum einen das vom Bildungsministergewollte Schulgesetz, das mit Beginn des neuen Schuljahres 2011 eine Reihe von 2Änderungen zementierte, die vor Ort vielfach zu Konflikten führte und als eine Rolle-Rückwärts empfunden wurden. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will:Das Schulgesetz von 2007 war keine Schulreform aus einem Guss. Es gab vieles, was manhätte besser machen können – und müssen, aber: Erstmals in der Geschichte unseresLandes gab es ein Schulgesetz, das – weil es von einer großen Mehrheit getragen wurde– Bestand haben könnte. Das man evaluieren und weiterentwickeln könnte.Dass die CDU nach 2009 nicht mehr zu ihren eigenen Beschlüssen stand, war eine bitterePille. Man machte es damit der FDP viel zu leicht mit Vorstellungen durch zu kommen,die Entscheidungsfreiheit mit Beliebigkeit verwechselten und das Ziel eines längerengemeinsamen Lernens von innen torpedierten. Dass weder G9 noch GY zum Null-Tarif zuhaben war und Stellen auslöste, die andernorts im System Schule viel nötiger waren,gehört zur Wahrheitsfindung dazu.Zum anderen haben wir in den letzten Monaten erlebt, wie die Forderung nachSchulfrieden immer mehr zur Worthülse verkommt. Denn zu Recht sind Eltern überUnterrichtsausfall besorgt und frustriert über die Politik der Landesregierung beimThema Schülerbeförderung, während engagierte Lehrerkollegien mit ansehen müssen,wie ihre Bemühungen um Binnendifferenzierung und neue Unterrichtsformen mitGleichgültigkeit aufgenommen werden: Abschlussbezogene Klassen gehen auch.Dass diese Unruhe auch bei der FDP als Partei des Bildungsministers ankam, war also nureine Frage der Zeit - die Landtagswahl lässt grüßen. Denn zur Faktenlage gehört auch,dass die Regierungsmehrheit sowohl 2012 wie auch für das kommende Schuljahr jeweils300 Lehrerstellen streichen will. Was dann geschah, ist allen noch in Erinnerung.Neu ist aber, dass Dr. Klug nunmehr selbst die größten Defizite benennt und dienotwendigen Stellen beziffert hat. „Bildung als Lebenschance“ heißt sein Papier – und 3genau darum geht es. Die Eckpunkte lauten: 17 neue Schulpsychologen, 8 neueBerufseinstiegsbegleiter, 50 Lehrer für Dörfergemeinschaftsschulen, mehr Planstellen fürgebundene Ganztagsschulen und so weiter. Dazu kommen 125 Stellen zur Erhöhung derDifferenzierungsstunden, die der Bildungsminister höchstpersönlich vor kurzem nochweggefegt hatte. Die Konklusion kann vor diesem Hintergrund daher nur lauten: Mit derStreichung weiterer Planstellen im Schulbereich entpuppt sich alles, was überQualitätsentwicklung gesagt wird, als heiße Luft. Was bleibt, ist daher einKoalitionskompromiss von CDU und FDP, der nichts anderes ist als eine Beruhigungspillefür Eltern und aufgebrachte Wählerinnen und Wähler.Vertretungslehrer sollen es also richten: Flexible und einsatzbereite Lehrkräfte, dieüberall im Land eingesetzt werden können so wie eine Art Unterrichtsnotarzt - allerdingsohne Festanstellung und Karriereaussichten. Also, kurz gesagt: Lehrer, die nichts kosten.Es sei geplant Referendare, Pensionäre, Nachwuchslehrer oder Studierende zu dieserganz besonderen Sorte Leiharbeiter zu machen. Einmal abgesehen davon, dass sichsicherlich kaum ausreichend Lehrkräfte melden werden, hat dies nichts mit nachhaltigerSchulpolitik zu tun. Sie verbessert nicht die Unterrichtssituation, sondern höchstens dieStatistik, mit der es, nebenbei gesagt, sowieso nicht zum Besten steht. Tatsächlich gibtes nur einen Weg gegen den Unterrichtsausfall: Nämlich die geplante Streichung vonPlanstellen aufzuschieben.Schon bei der letzten Debatte zu diesem Thema sagte ich für den SSW, dass das einzigtransparente Verfahren die Einbringung eines Nachtragshaushalts sei. Der Meinung binich immer noch. Denn mit Transparenz haben die Beschlüsse vom Koalitionsausschussder Regierungsfraktionen nun wirklich nichts zu tun. Auch wenn sich dieLandesregierung nunmehr hinstellt und sagt, sie handele ja bereits und habe in 4bestimmten Bereichen sowieso viel mehr geleistet, als alle Vorgängerregierungen, dannbleibt es dabei, dass jetzt Mittel bereit gestellt werden, die auch wieder einkassiertwerden können. Zu einer nachhaltigen Bildungspolitik gehören aber auchKorsettstangen. Wo sie fehlen, hat Ekkehard Klug in seinem besagten Bildungspapierselbst ausgewiesen. Daher ist es wichtig zu erfahren, wie wir dieses Papier einordnensollen.Der SSW unterstützt die vorliegenden Anträge zur Verbesserung derUnterrichtssituation, die heute mit debattiert werden. Wer postuliert, Bildung alsLebenschance zu sehen, muss natürlich konkret werden. Daher ist für unsnachvollziehbar, wenn von Seiten der SPD zwei Aspekte gesondert hervorgehobenwerden: Stärkung der Sprachförderung und die Projekte „Lesen macht stark“ und „Mathemacht stark“. Folgerichtig ist aber auch, Schule breiter zu denken, daher gehört der SSW-Antrag zur Förderung der Minderheiten- und Regionalsprache Friesisch in diesenKontext. Friesisch gehört zu den Lebenschancen, die es gilt, durch Bildung zu stärken.Noch in den 60er Jahren wurden viele Kinder eingeschult, die kein Hochdeutschsprachen, sondern plattdeutsch oder friesisch. Eine Alphabetisierung der Kinder in ihrerMuttersprache unterblieb aber; und das mit weit reichenden Folgen. Aus den Kindernvon damals wurden Erwachsene, denen ihre eigene Sprache als Schrift-Sprache fremdblieb. Heute können viele Erwachsene nicht einmal eine simple Einkaufsliste in ihrerMuttersprache schreiben, geschweige denn ihren eigenen Kindern ein friesischesMärchen vorlesen, weil die damalige Schulpolitik Friesisch als Belastung definierte undweg erzog. 5Diese Versäumnisse sollten uns Mahnung sein. Friesisch fristet in den meisten Schuleneine Randexistenz, die Schüler und Eltern teilweise überbrückende Freistunden zumutet.Dementsprechend oft wird Friesisch gar nicht erst gewählt. Sprachliches Erbe undsprachliche Identität werden sehenden Auges zerstört.Wir fordern ausdrücklich keinen Stellenplan für die Angebotssicherung des Friesisch-Unterrichts, sondern ein tragfähiges Konzept, das die Schulen in Nordfriesland und aufHelgoland zu qualitativ hochwertigen Friesisch-Unterrichtsangeboten ermutigt. Vonoben verordnet werden müssen lediglich die entsprechenden Rahmenbedingungen; alsogut ausgebildete Lehrkräfte, solide Materialien und eine gut funktionierendeLehrplanung. Diese Bedingungen sind seitens des Bildungsministeriums zu schaffen,sagen wir - so verlangt es übrigens auch die Landesverfassung, die nicht nur den Schutzder Minderheiten, sondern auch deren Förderung festlegt.Rückblickend betrachtet zeigen die Diskussionen der letzten Monate, dass es derLandesregierung praktisch nur um Symptom-Behandlung geht. Losgelöst von allemWahlgeplänkel wird es nach der Landtagswahl notwendig sein, eine ehrlicheBestandsaufnahme zu machen. Wir brauchen eine Evaluation des schulischen Betriebsund konkrete Ziele zur Verbesserung der Unterrichtsqualität. Dabei muss es um alleFacetten des Bildungsbereichs gehen, zum Beispiel auch um die Frage, wie Schule soräumlich gestaltet werden kann, dass Inklusion vor Ort in den Kommunen nicht alsSparmodell ankommt. In Sonntagsreden wird gern gesagt, dass Schleswig-Holstein nichtschlecht dasteht, wenn es um inklusive Beschulung geht. Dennoch steckt der Teufel imDetail und von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch weit entfernt. – Oder andersformuliert: Es darf aus Sicht des SSW nicht sein, dass wir aus Haushaltsgründen 6besondere Klassen für lernbehinderte Kinder machen, die mit mehr Ressourcen in einenormale Klasse integriert werden könnten.Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört auch die Frage, wie in den kommendenJahren die Unterrichtsversorgung überhaupt sichergestellt werden kann. Wenn über dendemographischen Wandel geredet wird, klingt es oft so, als könnten damitHaushaltslöcher gestopft werden. Tatsächlich gibt es ganz andere Probleme zu lösen,nicht zuletzt die Frage des Lehrermangels und des Fachkräftemangels imBildungsbereich.Bildung als Lebenschance heißt mit anderen Worten, dass Bildung als Investitiongesehen werden muss, doch davon sind wir noch weit entfernt. Die Landesregierung hatmit ihren Entscheidungen zu dieser Diskussion nichts beigetragen.