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22.08.12 , 15:39 Uhr
SSW

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 17 - Zukunft der schleswig-holsteinischen Theater

Presseinformation Kiel, den 22.08.2012



Es gilt das gesprochene Wort



Jette Waldinger-Thiering

TOP 17 Zukunft der schleswig-holsteinischen Theater Drs. 18/78
Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums
befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag, sagte Berthold Brecht. Damit wollte er
sich ausdrücklich von Vereinnahmung und Instrumentalisierung des Theaters seitens der Politik
distanzieren. Dass das kein Problem der Vergangenheit, sondern hoch aktuell ist, zeigt die
heutige Sitzung.


Wer nach acht Wochen Regierungsarbeit einen Antrag auf einen mündlichen Bericht zur Zukunft
schleswig-holsteinischer Theater in den Landtag einbringt, muss sich auf jeden Fall die Frage
gefallen lassen, ob das nicht ein durchsichtiges Manöver ist. Werden hier etwa die Theater
instrumentalisiert, um eigene, jahrelange Versäumnisse vergessen zu machen? Die gab es, und
zwar nicht zu knapp: Viele Theatermacher beklagten sich in schwarz-gelben Regierungszeiten
über eine abwartende Haltung der Landesregierung; sie fühlten sich im Regen stehen gelassen.
Das hörte ich immer wieder in den Gesprächen. Trotz immenser Anstrengungen administrierte
der damalige Kultusminister Klug die Theater zu einem reinen Kostenposten herunter. Ein 2
Beispiel: noch im Januar monetarisierte er entsprechende Landtagsdebatte und kalkulierte auf
Zustimmung durch seine auf Zahlen verengte Rede. Jeder Besuch im Landestheater würde vom
Steuerzahler mit 101 Euro subventioniert.
Ja, das ist richtig. Das ist so, weil Kultur ein Lebensmittel ist. Und das gibt es nicht als kostenlose
Zugabe. Ich möchte jedenfalls nicht nach der Vermaisung der Landschaft ähnliches bei den
Theatern erleben. Soweit wird es aber kommen, wenn wir nur noch mit dem Rechenschieber
Politik machen: gleichgeschaltete Theater mit den immer gleichen Kassenschlagern auf dem
Spielplan.


Doch schon im Januar blieb die kalkulierte Empörung aus, denn die Menschen in Schleswig-
Holstein wissen, dass Kultur nicht kostenlos zu haben ist. Eben so wenig übrigens wie Straßen,
Universitäten oder öffentliche Toiletten. Die Bürgerinnen und Bürger sind durchaus bereit,
Theater zu finanzieren – das haben nicht zuletzt die Demonstrationen in Flensburg zum Erhalt
des Landestheaters gezeigt. Ohne Kultur entseelt nämlich unsere Gesellschaft. Ich will hier nicht
irgendwelchen hehren Kulturvorstellungen das Wort reden. Aber wir müssen klipp und klar
sagen: Theater kosten Geld, weil sie etwas leisten. Ich warne aber davor, die Theater auf ihre
Funktion als Kostenposten mit Einsparpotenzial zu begrenzen oder auf ihre Rolle als
Standortfaktor. Natürlich müssen die Besucherzahlen stimmen, ansonsten verkommt das
Theater zur Bildungsveranstaltung für einige Auserwählte. Aber bei aller Rotstiftpolitik kommt
dem Theater ein eigener Wert zu. Theater sind Nahrung für die Seele.


Der SSW beteiligt sich darum aktiv an den Diskussionen um die Zukunft der Spielstätte in
Schleswig. Es liegen eine Reihe interessanter Vorschläge auf dem Tisch, die die derzeitige
Situation als Chance für einen wirklichen Neubeginn verstehen. So wie es sich momentan
abzeichnet, werden wir in Schleswig in absehbarer Zeit ein Theater haben, das nicht nur für den
Theaterbetrieb vorgesehen ist, sondern sich als Spielstätte öffnet. Das liegt im Interesse der
Theatermacher als auch der Besucher. 3
In anderen Städten sieht das etwas anders aus: da funktionieren zwar die Spielstätten, aber es
kneift an anderer Stelle. Aus diesem Grund benötigen wir ein Konzept, das die Eigenarten vor Ort
berücksichtigt. Wir haben nämlich neben dem Landestheater und den freien Bühnen eine sehr
lebendige Laien-Szene, die ihren Beitrag zur Kultur Schleswig-Holsteins leistet. Nicht zuletzt die
Minderheiten sind auf diese Sparte angewiesen, um überhaupt einmal eine Theatervorstellung
in ihrer Muttersprache besuchen zu können.


Das zukünftige Theater-Konzept muss das alles berücksichtigen und daneben noch die
unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Kommunen und der Träger. Die anstehenden Gespräche
werden nicht leicht werden, denn die alte Landesregierung hat teilweise ordentlich Porzellan
zerschlagen. Doch ich bin zuversichtlich, dass wir bald ein durchdachtes Konzept hier im Landtag
diskutieren werden. Dann würde ich mir allerdings weniger Theaterdonner wünschen. Wir
sollten zunächst Sachstand und Konzept schriftlich vorliegen haben, bevor wir in die nächste
Debattenrunde einsteigen.

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