Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
Jette Waldinger-Thiering: Wie soll das Erinnern funktionieren
Presseinformation Es gilt das gesprochene WortKiel, den 19. 3. 2014Jette Waldinger-ThieringTOP 15 Gedenkstättenkonzept der Landesregierung Drs. 18/1649„Der demokratische Staat sollte keine Angst vor der Nazi-Ideologie haben, sondern sich mit ihr auseinandersetzen“Erinnerungsarbeit war lange Jahre in Schleswig-Holstein Aufgabe der Bürgerinnen und Bürgervor Ort. Wir haben es engagierten Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteinern zuverdanken, dass Nachgeborene an authentischen Stätten Angebote der Erinnerungsarbeitgemacht haben.Im Großreinemachen nach dem Krieg wäre sonst noch viel mehr verschwunden. Dreißig langeJahre gab es überhaupt kein Interesse der politischen Führung an einer Förderung vonGedenkstätten, wie im Gedenkstättenkonzept der Bürgerstiftung nachzulesen ist. DieseIgnoranz der Politik ist mittlerweile einem demokratischen Verständnis gewichen, der sich zurhistorischen Verpflichtung der Nachgeborenen bekennt. Wir brauchen auch weiterhin dieseverunsichernden Orte, die die Gedenkstätten nun mal sind.Wir haben im Koalitionsvertrag die Erarbeitung eines Gedenkstättenkonzepts verabredet. Dasist eine längst überfällige Aufgabe, und nicht nur aus dem Grund, dass Schleswig-Holstein als 2einziges Bundesland keine Bundesmittel einwerben konnte. Das war der Zustand zumindestbis zum Februar. Dann traf die Zusage aus Berlin für die Modernisierung der LadelunderDauerausstellung ein. Ich möchte die Förderzusage ausdrücklich als Aufbruchssignalverstanden wissen, denn gerade in Ladelund ist die Erinnerungsarbeit von engagiertenBürgerinnen und Bürger in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde angestoßen undbetrieben worden. Das Erinnern ist dort gewachsen und darum ausgesprochen nachhaltig.Ladelund steht auf einem guten Fundament, gerade weil durch die Kontakte insniederländische Putten ein authentischer Kern des Engagements besteht.Wenn so etwas fehlt, wenn die Scham überwiegt, was dann passiert, kann man nur wenigeKilometer weiter am Standort des KZ-Außenlager Schwesing nacherleben. Am HusumerFlughafen sollten im Herbst 1944 Zwangsarbeiter aus dem KZ-Neuengamme einen allerletztenVerteidigungswall bauen. Gesunde Männer arbeiteten und hungerten sich in diesem Lagerinnerhalb weniger Monate zu Tode. 70 Jahre später kann man die unmenschlichenHaftbedingungen nicht mehr nachspüren. Zumindest ist das Gelände durch Stadt und KreisNordfriesland gesichert worden und auf Stelen sind die Namen von 297 Opfern aufgeführt.Was in Schwesing zu sehen ist, sind Mahnmal, Infotafeln und Barackenreste, die ermahnenund erinnern sollen. Doch die Frage bleibt: Wie soll das Erinnern funktionieren? Es geht nichtmehr länger um die Dokumentation, um Leugner von Massenmord und Rassenideologie Lügenzu strafen. Der Impuls „Guckt hin, so ist es gewesen“, funktioniert nicht mehr in einerGesellschaft, die die Schuld längst anerkannt hat. Und, das möchte ich hinzufügen, dieserImpuls wird von den visuell geprägten jüngeren Generationen auch gar nicht mehr verstanden.Wie ist es denn gewesen? So wie in den alten schwarz-weiß Bildern der Wochenschauen? Wohlkaum. Orte und Dinge sollen in den Gedenkstätten Wahrhaftigkeit verbürgen. Aber, was kannmir ein Hydrant sagen? In Schwesing war er ein gefürchtetes Folterinstrument, auf dem dieGefangenen so lange stehen oder hocken mussten, bis sie entkräftet zu Boden gingen, umdann erschossen zu werden. Dieser Hydrant erzählt nichts. Er ist ein Stück Metall. Es ist an uns,die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes neu zu erzählen, mit allen technischen Mitteln,die uns derzeit zur Verfügung stehen. 3Ansonsten droht das Nazi-Regime in der historischen Tiefsee zu verschwinden. Die Historikerhaben erkannt, dass die Menschen dazu neigen, alles das, was vor der Großeltern-Generationpassiert ist, wie eine pittoreske Tiefsee zu verstehen; egal ob es sich um die NapoleonischenKriege, das Mittelalter oder eben das III. Reich handelt. Eine farbige Welt, in der alles gleichweit weg ist und die keine konkreten Identifikationsangebote bietet. Bevor es soweit kommtmit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, brauchen wir historische Erzählungen: spannend,echt und auch voller Widersprüche.Darum ist auch von oben verordnete Gedenkstättenarbeit zum Scheitern verurteilt. DieKulturministerin hat darum folgerichtig die Debatte um das Gedenkstättenkonzept freigegeben, damit wir in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs über genau das sprechen: einelebendige historische Erzählung. Das öffentliche Gedenkwesen ist oftmals erstarrt; ich möchtesagen: verstaubt. Das Erinnern ist dermaßen überladen, dass sich viele Besucherinnen undBesucher der Gedenkstätten nur noch in Rituale retten können. Wir müssen die damaligenBilder und Sichtweise nicht übernehmen, aber wir müssen darüber sprechen; über Formen,Darstellungsweise und eben auch Rezeptionen. Gut gemeinte Denkverbote verführen nur zuTrotz; gerade bei den jüngeren. Darum ist die Ablehnung der Neuland-Halle als Teil derGedenkstättenarbeit umso bedauerlicher.Die Kirche hatte es übernommen, den Nazis ihr Terrain wieder abzunehmen. Die Halle wurdegebaut als Anti-Kirche, in dem sich die Rassenideologie der Nazis manifestieren sollte. DieDithmarscher Kirchenkreise haben im demokratischen Deutschland die Halle in ihreJugendarbeit integriert und auf diese Weise lebendig gestaltet. Sie haben aber zu wenig in dieSubstanz des Gebäudes investiert und nun haben wir einen enormen Renovierungsstau.Ich bin davon überzeugt, dass die Neulandhalle sinnvoll in ein landesweitesGedenkstättenkonzept eingefügt werden kann – gerade, weil es ein Teil dernationalsozialistischen Populärkultur war. Sie ist eben keine Opfergedenkstätte, sondern einPropagandainstrument der Nazis. Sie stellt darum besondere Anforderungen an die inhaltlicheAufarbeitung. Aber gerade das ist lohnenswert. Der demokratische Staat sollte keine Angst vor 4der Nazi-Ideologie haben, sondern sich mit ihr auseinandersetzen und sie im bewussten Tunals das darstellen, was sie war: menschenverachtend und menschenvernichtend.Zunächst sollten wir aber vor irgendeiner Entscheidung bezüglich der Neulandhalle dieGedenkstättenkonzeption abwarten. Ich bin zuversichtlich, dass dann auch eine GedenkstätteNeulandhalle möglich werden wird.