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25.02.21
16:14 Uhr
SSW

Jette Waldinger-Thiering: Das Leid der Opfer ist unermesslich

Presseinformation
Kiel, den 25.02.2021



Es gilt das gesprochene Wort



Jette Waldinger-Thiering
TOP 37 Unterstützungsleistungen für von Leid und Unrecht
Betroffene
Drs. 19/2795


„Das Leid der Opfer von Gewalt und Medikamentenmissbrauch ist unermesslich
und belastet auch noch Jahrzehnte nach den taten das Leben dieser Menschen.
Die Zeit in den Einrichtungen überschattet alle kommenden
Lebensentscheidungen. Der Landtag bekennt sich zu seiner Verantwortung und
verneigt sich vor den Opfern in tiefer Scham.“

Der Dank geht an alle demokratischen Fraktionen, die diesen Antrag unterstützen und sich an
einer unbürokratischen Lösung beteiligt haben. Dieses Signal aus dem Landtag heraus war
überfällig. Das Leid der Opfer von Gewalt und Medikamentenmissbrauch ist unermesslich und
belastet auch noch Jahrzehnte nach den Taten das Leben dieser Menschen. Die Zeit in den
Einrichtungen überschattet alle kommenden Lebensentscheidungen, die sie getroffen haben. Der
Landtag bekennt sich zu seiner Verantwortung und verneigt sich vor den Opfern in tiefer Scham. 2



Unsere Gedanken gelten aber auch den Zeuginnen und Zeugen. Viele Erzieher oder Besucher
haben Probleme offen angesprochen und versucht, das Leid zumindest zu veröffentlichen und
damit zur Beendigung beizutragen. Ich weiß, dass sich viele dieser Zeugen heute schwere
Vorwürfe machen, dass ihnen das nicht gelungen ist. Einzelne konnten gegen diese systemische
Gewalt nichts ausrichten. Diese Erkenntnis mag das Gewissen erleichtern, sie ist aber auch eine
Mahnung an uns, die wir heute Einrichtungen demokratisch zu verantworten haben. Die Opfer
haben einen hohen Preis dafür gezahlt, damit wir heute andere Strukturen, andere
Verantwortlichkeiten und andere Kontrollen haben. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein.


Zurück zu den Inhalten des Antrages. Wir wollen alle Opfer erreichen, die Fristen versäumt haben
oder denen erst in den letzten Monaten bewusst wurde, was ihnen widerfahren ist. Die Beratung
wird fortgesetzt. Einige Opfer haben bislang keinen Antrag gestellt, weil sie denken, dass ihnen
vergleichsweise wenig Leid angetan wurde: das sind Menschen, die als Kind nur manchmal
geschlagen wurden. Ich möchte gerade an diese Opfer appellieren, sich zu melden und ihre
Ansprüche gelten zu machen. Wir unterscheiden nicht zwischen großen und kleinen Opfern. Die
Gewalt hat vielfältige Folgen gehabt: Viele Opfer konnten als Erwachsene nur schwer Fuß fassen.


Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass es sich hier nicht um ein einfaches
bürokratisches Antragsverfahren handelt, wo die Zulässigkeit geprüft und danach bewilligt wird.
Das ist kein Bauantrag, mit dem wir es zu tun haben. Hier geht es um die Anerkennung von Leid,
wo die monetäre Anerkennung nur eine einzelne Facette darstellt.


Darum ist die Antragstellung auch so schwierig. Vor dem Antrag liegen in der Regeln Zeiten der
Re-Traumatisierung und der Erinnerung an die Gewalttaten. Ein Antrag zwingt die Opfer, noch
einmal in die Hölle ihrer Kindheit einzutauchen. Ich schlage darum vor, dass die versierten
Archivkräfte, die wir haben, die Opfer unterstützen. Wer nicht die Kraft aufbringt, in die eigene 3

Akte zu schauen, der sollte einen Experten oder eine Expertin an seiner Seite wissen, die das für ihn
oder sie erledigt. Selbstverständlich hat diese Recherche kostenlos zu erfolgen.


Voraussetzung ist natürlich, dass die entsprechenden Archivalien überhaupt verfügbar sind. Ich
rufe alle Einrichtungen und deren Nachfolgeorganisationen zur tatkräftigen Recherchehilfe auf.
Das ist nach meiner Vorstellung Teil der Wiedergutmachung und der Anerkennung des Leids. Das
gilt natürlich auch für die Pharmaunternehmen, die von den Medikamentenversuchen
profitierten. Die Zeit der Vertuschung ist vorbei.


Hinweis: Diese Rede kann hier ab dem folgenden Tag als Video abgerufen werden:
http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek/