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28.01.26 , 12:02 Uhr
SPD

Dr. Kai Dolgner zu TOP 7: Fusionsforschung darf keine Ausrede sein, die Energiewende auszubremsen

Heimo Zwischenberger Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion
Adresse Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel Telefon 0431 988 1305 Telefax 0431 988 1308 E-Mail h.zwischenberger@spd.ltsh.de Webseite www.spd-fraktion-sh.de Es gilt das gesprochene Wort!

Hinweis: Diese Rede kann hier als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek

LANDTAGSREDE – 28.Januar 2025
Dr. Kai Dolgner Fusionsforschung darf keine Ausrede sein, die Energiewende auszubremsen TOP 7: Mündlicher Bericht zu Schleswig-Holsteins Rolle in der Fusionsforschung (Drs. 20/3787)
Die kontrollierte Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als der Heilige Gral der Energiewirtschaft. Tokamak 1950, Stellarator 1951 – der erste lief 1953, also noch vor Sputnik. Und 70 Jahre später warten wir immer noch auf den ersten Nettoenergiegewinn eines Reaktors. Warum ist das so? Nun beim Tokamak braucht braucht man einen starken Strom im Plasma, um das Magnetfeld zu erzeugen, deshalb ist er prinzipbedingt instabil. In den letzten 60 Jahren ist es zwar gelungen, das Plasma bis zu 18 Minuten stabil zu halten, für ein echtes Kraftwerk benötigt man aber mindestens ein bis zwei Stunden.
Die Laserfusion war ein wissenschaftlicher Meilenstein, ja – aber eher so, als hätte jemand kurz die Tür zum Gralssaal aufgemacht, „Hallo!“ gerufen und sie wieder zugeschlagen, denn sie ist für Dauerbetrieb ungeeignet.
Wendelstein 7-X in Greifswald ist ein wissenschaftliches Schmuckstück – aber kein Kraftwerk. Er ist ein Stellarator mit dreidimensional verdrehte Spulen, um das Plasma ohne starken Strom im Plasma selbst einzuschließen. Damit werden Instabilitäten vermieden. Das ist technisch aber extrem anspruchsvoll, so dass das Prinzip zwar geeigneter ist, wir aber noch viel weiter von einer ausgereiften Technik entfernt sind als beim Tokamak.
Vielleicht schafft ein „Wendelstein 10-X“ einmal den Durchbruch. Vielleicht. Falls wir ihn überhaupt bauen. Gibt nämlich bisher weder eine konkrete Planung noch Geld selbst für 8- X oder 9-X. Und falls nicht China vorher mit BEST durchzieht.
Und genau deshalb wirkt die neue „Fusionsallianz“ … nennen wir es freundlich: ambitioniert formuliert.
In der Pressemitteilung heißt es wörtlich:


1 „Heute haben die sechs Länder in München die Allianz zur Fusionsforschung – kurz Fusionsallianz – gegründet und damit den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum weltweit ersten Fusionskraftwerk in Deutschland und Europa getan.“
Nun ja. Der erste entschiedene Schritt liegt über 60 Jahre zurück und hieß Wendelstein 1. Wenn diese Allianz der „entscheidende Schritt“ sein soll, erinnert mich das ein bisschen an jemanden, der am Rand der Autobahn steht, den vorbeifahrenden Autos hinterherwinkt und ruft: „Weiterfahren! Ihr schafft das!“
Wenn das allerdings bedeutet, dass wir wirklich Mittel für die künftigen Wendelsteins mobilisieren – umso besser. Forschungsgeld ist gut angelegtes Geld. Denn zwischen einer Pressemitteilung, Planung, Finanzierung, Bau und Inbetriebnahme lagen beim 7-X ca. 20 Jahre.
Wenn Sie jetzt dann auch noch die konkreten Genehmigungs- und Bauvorhaben erleichtern, will ich nicht so pingelig sein, bezüglich des Versuchs, sich die Lebensleistung von Generationen von Forscherinnen und Forschern an den politischen Hut heften zu wollen.
Kommen wir zur Gralssuche: Als Camelot bröckelte, schickte König Artus seine Ritter los, weil er sich vom Gral die Rettung erhoffte. Offenbar sah sich Friedrich Merz im Wahlkampf in einer ähnlichen Rolle. Statt den Ausbau der Erneuerbaren, Netze, Speicher und Mobilität energisch voranzutreiben, erklärte er die Kernfusion kurzerhand zur Antwort auf alle Energiefragen.
Eine Technologie, die wir nicht haben.
Eine Technologie, die wir noch lange nicht haben werden. Und eine Technologie, bei der nicht mal klar ist, ob sie irgendwann günstiger ist als … na ja … alles andere.
Ein Blick in die Artussage – sei es klassisch bei Thomas Malory oder, für die cineastisch Gebildeten, bei Die Ritter der Kokosnuss – zeigt jedenfalls: Viele Ritter scheitern unterwegs, manche an Prüfungen, manche an Sünden, und manche schon daran, drei einfache Fragen an einer Brücke zu beantworten. Und die wenigen, die zurückkehren, tun das verändert, gebrochen – oder zumindest mit einer gesunden Skepsis gegenüber mysteriösen Kaninchen.
Die erfolglose Gralssuche hat Camelot nicht gerettet – im Gegenteil, sie hat den Untergang erst besiegelt, weil die Ritter sich nicht um die Lösung der akuten Probleme gekümmert haben sondern auf Gralssuche gegangen sind.


2 Und das ist vielleicht die wichtigste Lehre: Wenn man sich in die bloße Hoffnung flüchtet und auf eine zukünftige Rettung durch ein Wundergegenstand hofft, bleibt im Alltag viel liegen.
Unsere Hauptaufgabe ist klar: Schäden heute begrenzen – nicht Hoffnungen auf übermorgen delegieren. Das gilt nicht nur für die Kernfusion.



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