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19.03.26 , 15:55 Uhr
SPD

Birte Pauls zu Top 7: Erinnerung ist mehr als Gedenken – sie ist Anerkennung

Heimo Zwischenberger Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion
Adresse Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel Telefon 0431 988 1305 Telefax 0431 988 1308 E-Mail h.zwischenberger@spd.ltsh.de Webseite www.spd-fraktion-sh.de Es gilt das gesprochene Wort!

Hinweis: Diese Rede kann hier als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek

LANDTAGSREDE – 19.März 2026
Birte Pauls Erinnerung ist mehr als Gedenken – sie ist Anerkennung TOP 12: Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein (Drs. 20/4095)
Unser Land feiert in diesem Jahr seinen 80-jährigen Geburtstag. Das ist Grund zur Freude. Es ist aber gleichzeitig auch Verpflichtung, unsere Geschichte zu betrachten, sie zu verstehen und dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht vergessen wird und vor allem, dass sich die dunkelsten Kapitel nicht wiederholen. Mit dem Landtagsbeschluss mit der Drucksachennummer (19/3558) hat der Landtag auf Initiative der SPD den einstimmigen Beschluss gefasst, die Verfolgung und Vertreibung von deutschen Sinti und Roma im Nationalsozialismus und die Nachwirkungen im Rahmen eines Forschungsprojektes untersuchen zu lassen. Die Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg hat den Auftrag durchgeführt. Am 13. Januar hat der Beirat die Studie entgegengenommen. Ich möchte mich ganz herzlich bei Prof. Marc Buggeln, Dr. Sebastian Lotto-Kusche und Melanie Richter-Oertel für den von ihnen vorgelegten Bericht bedanken. Uns ist bewusst, dass die Sichtung der Akten, hinter der sich immer das Schicksal einzelner Menschen verbirgt, also von der Akte zur Person, eine äußert belastende Tätigkeit war und deshalb danken wir allen Mitwirkenden von Herzen. Gleichzeitig bedanke ich mich auch bei den Mitgliedern des Begleitgremiums, dem Landesverband der deutschen Sinti und Roma, der Sinti-Union, meinen Landtagskolleg:innen und der Verwaltung für die ausgesprochen konstruktive Zusammenarbeit. Ich versuche gar nicht erst in den fünf Minuten Redezeit die gesamte Studie von 541 Seiten zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein darzustellen. Aber lassen Sie mich aus den Oral Interviews zitieren:



1 „Als ich dahin komme, ist mein Onkel nicht da und seine Frau auch nicht. Aber die SS ist da, bringt eine Frau um, die Mutter, und ein Kind und noch ein Mädchen. Die Bilder seh‘ ich vor mir, immer! Sie hat einen langen Pferdeschwanz und klammerte sich an dem SS-Mann fest. Aber der hat die dann gepackt. (…) Ich konnte nicht mehr laufen. Ich war steif. Ich guckte nur so. (…) Ich dachte: ‚Jetzt bist Du auch dran!‘ Der [SSMann] hat das Mädchen gepackt, am Pferdeschwanz, und so weg gehalten und: Kopfschuss! (…) Ich habe gedacht: ‚Jetzt bist Du dran!‘ Die haben mich aber in Ruhe gelassen, die sind vorbei gegangen. Da habe ich noch eine zeitlang da gestanden, habe geheult.“ Ist es nicht verständlich, dass der Genozid in den Familien der Sinti und Roma angesichts von bis heute stattfindenden und auch aktuell noch strukturellen Benachteiligungen und Rassismuserfahrungen von deutschen Sinti und Roma bis heute präsent ist? Dass tradierte Ängste auf Enkel und Urenkel übertragen werden? Die Täter der NS-Zeit haben oftmals in den Amtsstuben eine Nachkriegskarriere begonnen. Opfer standen plötzlich vor ihren Tätern, um eine Entschädigung einzuklagen. Kaum vorstellbar, aber so war es. Verständlich, dass sich das Gefühl der Benachteiligung fortpflanzt. Ein Gefühl das wir nicht negieren dürfen, sondern in allen Bereichen des Lebens sehr ernst nehmen müssen. Vor allem auch, weil es bis heute nicht allein ein Gefühl, sondern Realität im Alltag Vieler ist. Deshalb ist die Wissensvermittlung auch extrem wichtig und im Rahmen der Demokratiebildung unerlässlich. Wir haben vereinbart, dass die Studie nicht nur eine Drucksache bleibt, sondern sie auch in einer Form publiziert wird, dass damit z.B. auch an Schulen weitergearbeitet werden kann. Angesichts steigender Zahl der gemeldeten antiziganistischen Vorfälle ist das eine politische Verpflichtung. Zwar hat der Beirat das Projekt formal abgeschlossen, aber die Studie benennt weitere deutliche Erkenntnislücken. Viele Hintergründe und Zusammenhänge sind noch nicht erforscht, wie z.B. die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma, die aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein gekommen sind, die Situation in einzelnen Städten wie Kiel und Neumünster, hier sind weitere Täter:innen-Gruppen in den Blick zu nehmen, und auch die Erkenntnisse über die Ausschwitz-Deportation sind nicht vollständig, viele Schicksale sind weiter ungeklärt. Wir als Landtag haben den Rahmen der Studie vorgegeben. Wir sollten hier jetzt keinen Schlussstrich ziehen, sondern uns in Verbeugung vor den vielen Opfern, der vielen zerrissenen Familien und der Tatsache, dass Antiziganismus auch in Schleswig-Holstein nach wie vor erschreckend aktuell ist, sehr intensiv weiter mit unserer Geschichte befassen



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