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17.06.26 , 16:01 Uhr
SSW

Dr. Michael Schunck: Rekonstruierte Steinriffe verbinden Klima- und aktiven Küstenschutz

Presseinformation Kiel, den 17.06.2026 Es gilt das gesprochene Wort

Dr. Michael Schunck TOP 52+60 Rekonstruktion von Steinriffen in der Ostsee im Rahmen der GAK, Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes Drs. 20/4523 + 20/4209
„Erstens stärken wir den Küstenschutz direkt vor unseren Küsten. Steinfelder und Riffe auf dem Meeresgrund wirken als natürliche Wellenbrecher und bilden eine effektive erste Verteidigungslinie gegen Sturmfluten.“ „Zweitens schaffen wir einen messbaren Mehrwert für die marine Umwelt. Auf den Steinen entwickelt sich rasch ein stabiler Bewuchs aus Algen und Muscheln, der als wichtige Kinderstube für Fische und Krebse dient.“
Wenn wir heute über den Zustand unserer Ostsee sprechen, müssen wir konstatieren, dass es um das Meer vor unserer Haustür schlecht bestellt ist. Ich möchte meine Rede mit einem Blick in die Vergangenheit beginnen, als die Ostsee als schier unerschöpfliche Quelle galt, die für das Wohl der Menschen sorgte, die von ihr lebten. Neben der klassischen Fischerei auf Dorsch und Hering wurden auch Ostseefindlinge geborgen – große Steine, die durch die Eiszeit in das Ostseebecken gelangten. Diese Epoche der intensiven Steinfischerei in den Jahren 1800 bis 1976 diente der Küstensicherung und dem Bau von Straßen und Gebäuden. In weniger als zwei Jahrhunderten wurden rund 3,5 Millionen Tonnen Findlinge aus küstennahen Gewässern entnommen, bis die Vorkommen erschöpft waren. Noch heute zeugen bedeutende Infrastrukturprojekte an Land wie der Schilkseer Olympiahafen, der Yachthafen in Damp und die Anlagen der WtD71 in Eckernförde von diesen gewaltigen Vorkommen. Was an Land als Schutzmole dient, fehlt seither aber auf dem Meeresgrund als natürliches Fundament für sessile und benthische Organismen und als physisches Bollwerk gegen anbrandende Wellen. Die Entnahme hatte drastische ökologische Auswirkungen: Durch den Verlust des sogenannten Hartsubstrats gingen allein die Braunalgenbestände um über 90 Prozent zurück – von ehemals 45.000 Tonnen auf nur noch 2.400 Tonnen. Dabei erfüllen Steinriffe und Steinfelder am Grunde der Ostsee eine Funktion, die man mit den Knicks und Grünzügen in unserer landwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaft vergleichen kann. Sie könnten entscheidend für den Biotopverbund der neu ausgewiesenen APOS-Gebiete sein und unverzichtbare ökologische Brücken bilden, über die sich die pelagischen Larven von Muscheln,

Düsternbrooker Weg 70 Norderstr. 74 24105 Kiel 24939 Flensburg/Flensborg +49 (0)431 - 988 13 80 +49 (0)461 - 144 08 300 ( ( 2
Krustentieren, Algen, Seegräsern und Fischen rasch in der gesamten Küstenregion verbreiten könnten. Für uns vom SSW steht fest: Steinriffe dienen nicht nur dem Küstenschutz, sondern bieten einen Mehrwert für das Ökosystem Meer und seine Biodiversität. Mit einem Programm zur Rekonstruktion historischer Riffe können wir zwei wesentliche Ziele der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) und der Wiederherstellungsverordnung (WHV) parallel erreichen. Erstens stärken wir den Küstenschutz direkt vor unseren Küsten. Steinfelder und Riffe auf dem Meeresgrund wirken als natürliche Wellenbrecher und bilden eine effektive erste Verteidigungslinie gegen Sturmfluten. Die schwere Ostsee-Sturmflut im Oktober 2023 hat uns deutlich gezeigt, dass wir beim Küstenschutz vorausschauender agieren müssen. Wenn die Steine bereits im Vorfeld die Wellenenergie bremsen, entlastet das unsere Deiche erheblich und spart am Ende Steuergelder. Zweitens schaffen wir einen messbaren Mehrwert für die marine Umwelt. Auf den Steinen entwickelt sich rasch ein stabiler Bewuchs aus Algen und Muscheln, der als wichtige Kinderstube für Fische und Krebse dient. Auf der strömungsabgewandt Seite können zudem Seegraswiesen entstehen. Sie filtern das Wasser, bieten Lebensraum und speichern langfristig CO₂. Dieses Carbon Capture Potential von Zostera (Seegräser), Fucus (Blasentang) und Co wird derzeit auch im Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ZOBLUC und FUBLUC) wissenschaftlich untersucht. Während diese Programme primär auf die reine CO₂-Speicherung ausgerichtet sind, verbinden rekonstruierte Steinriffe den Klimaschutz direkt mit dem aktiven Küsten- und Katastrophenschutz. Um diese Maßnahmen finanziell zu unterlegen, fordern wir die Landesregierung auf, die Errichtung von Steinriffen als förderfähige Maßnahme im Rahmen der GAK (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes) zu verankern. Ein zentraler Punkt unseres Antrags ist, dass diese Wiederherstellung auf Augenhöhe mit den Küstenfischern geplant und umgesetzt werden muss. Im Sinne der „Zielvereinbarung Ostseefischerei“ wollen wir den Fischern, deren Handwerk zunehmend schwieriger wird, ein ergänzendes Tätigkeitsfeld bieten. Das Anlegen von Steinriffen und die Pflege von Seegraswiesen sind dafür hervorragend geeignet. Aber eines muss klar sein: Bei der Planung müssen bestimmte Küstenabschnitte für die traditionelle Stellnetz- und Reusen Fischerei von Anfang an mitgedacht werden, damit unsere Küstenfischer auch in Zukunft ihrem Beruf nachgehen können. Lassen Sie uns den Schutz unserer Küsten mit der Stärkung der marinen Biodiversität verbinden und den Küstenfischern verlässliche Zukunftsperspektiven bieten. Ich bitte Sie im Namen des SSW um Zustimmung zu unserem Antrag. Vielen Dank!
Hinweis: Diese Rede kann hier ab dem folgenden Tag als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek/

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