Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
REDE ZU PROTOKOLL GEGANGEN Martin Habersaat zu Top 35: Zwischen mittelalterlichem Wettkampf und Zukunftsbildung
Heimo Zwischenberger Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion Adresse Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel Telefon 0431 988 1305 Telefax 0431 988 1308 E-Mail h.zwischenberger@spd.ltsh.de Webseite www.spd-fraktion-sh.de Es gilt das gesprochene Wort!Hinweis: Diese Rede kann hier als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathekLANDTAGSREDE – 19.Juni 2026Martin Habersaat Zwischen mittelalterlichem Wettkampf und Zukunftsbildung TOP 35: Evaluation und Fortschreibung der Landesstrategie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (Drs. 20/4400)Der Gott Janus war in der römischen Mythologie der Gott des Anfangs und des Endes. Deshalb wird er häufig mit zwei Gesichtern dargestellt, die in unterschiedliche Richtungen blicken. Warum komme ich darauf? Weil die Regierungskoalition in der Bildungspolitik derzeit ebenfalls zwei Gesichter zeigt. Auf der einen Seite veröffentlichte der Kollege Balasus in dieser Woche eine Pressemitteilung, in der er dafür warb, Kindern in einem mittelalterlichen Wettkampfverständnis das Verlieren beizubringen. Er sagte: „In den allermeisten Bereichen des Lebens ist Konkurrenz prägend, insbesondere im Beruf. Wo es einen Gewinner gibt, ist ein anderer immer der Zweite. Es ist sinnvoll, dass Kindern dies beim Sport vermittelt wird und auch, wie man damit umgeht, einmal nicht an erster Stelle zu stehen.“ Nun ja – da würde ich dann gerne einmal einen Sportwettbewerb im Landtag veranstalten und schauen, wie entspannt wir alle mit Niederlagen umgehen. Und wer sich wo besonders unwohl fühlt. Das scheint ja der Sinn zu sein. Leistung bedeutet für mich nicht zuerst, besser zu sein als andere. Leistung bedeutet, sich anzustrengen, dranzubleiben, sich Herausforderungen zu suchen und herauszufinden, was in einem steckt. 1 Auf der anderen Seite beschäftigen Sie sich heute mit einem wirklichen Zukunftsthema: der Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE. Der Antrag bittet die Landesregierung, die Landesstrategie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu evaluieren und auf Grundlage der Ergebnisse zu prüfen, wie sie im Rahmen der vorhandenen Strukturen und Ressourcen weiterentwickelt werden kann. Eigentlich hätte man diesen Antrag heute auch ohne Aussprache beschließen können. Dann hätten wir die Ergebnisse der Evaluation als Grundlage einer fundierten Debatte nutzen können. Sie haben sich anders entschieden. Also reden wir heute schon darüber. Gerne. Denn ich habe drei Vorschläge, die bei dieser Evaluation unbedingt berücksichtigt werden sollten. Erstens: die regionale Verteilung der Unterstützung. Die Zukunftsschulen sind in Schleswig-Holstein sehr ungleich verteilt. In Stormarn beispielsweise investiert die Sparkassenstiftung erhebliche Mittel in Strukturen und Unterstützung. Das ist besonders wichtig, damit der Erfolg eines Projekts nicht allein vom Engagement einer einzelnen Lehrkraft abhängt, sondern dauerhaft verankert wird. Deshalb sollte untersucht werden: Braucht es solche Unterstützungsstrukturen nicht überall im Land? Und wie können wir dafür sorgen, dass gute Ansätze nicht vom Wohnort abhängen? Zweitens: die Auswirkungen der Unterrichtskürzungen. Sie haben den Schulen Stunden gekürzt. Gymnasien mussten vier Stunden abgeben, Gemeinschaftsschulen sogar sechs. Da stellt sich doch die berechtigte Frage: Hat das der Bildung für nachhaltige Entwicklung geschadet? Ich möchte wissen, ob und in welchem Umfang Projekte, Arbeitsgemeinschaften, fächerübergreifende Vorhaben oder andere Aktivitäten im Bereich der BNE eingeschränkt, verändert oder sogar eingestellt werden mussten. 2 Wer ernsthaft evaluieren will, darf die Auswirkungen eigener Entscheidungen nicht ausblenden. Drittens: die tatsächliche Wirkung bei den Schülerinnen und Schülern. Mich interessiert nicht nur, welche Angebote gemacht werden, sondern vor allem, was bei den jungen Menschen ankommt. Deshalb sollte erhoben werden, in welchem Umfang die Angebote der Bildung für nachhaltige Entwicklung tatsächlich zu einem vertieften Verständnis nachhaltiger Entwicklung beitragen. Welche Kenntnisse erwerben die Schülerinnen und Schüler? Welche Kompetenzen entwickeln sie? Welche Handlungsmöglichkeiten erkennen sie für ihr eigenes Leben? Und wie schätzen sie die Bedeutung nachhaltigen Handelns für unsere Gesellschaft ein? Denn eines müssen wir vermeiden: Dass jeder irgendetwas macht und anschließend einfach „BNE“ darüberschreibt. Entscheidend ist nicht das Etikett. Entscheidend ist die Wirkung. Wir müssen wegkommen von einer Situation, in der einzelne Projekte nebeneinanderstehen und jeder etwas anderes macht. Und wir müssen dahin kommen, dass wir das System Schule insgesamt weiterentwickeln und stärken. Dazu gehört übrigens auch, die Rahmenbedingungen ernst zu nehmen. Denn Bildung für nachhaltige Entwicklung braucht Zeit, Personal und Unterstützung. Es passt deshalb nicht zusammen, wenn man ambitionierte Ziele formuliert und gleichzeitig achselzuckend hinnimmt, dass ein Fünftel der Stellen im schulpsychologischen Dienst unbesetzt ist. Wer Schulen stärken will, muss sie auch tatsächlich stärken. Wer Zukunft gestalten will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen. 3 Und wer Bildung für nachhaltige Entwicklung ernst meint, darf sie nicht als Zusatzaufgabe behandeln, sondern muss sie als Bestandteil einer starken und gut ausgestatteten Schule verstehen. 4