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16.09.26 , 11:01 Uhr
SSW

Jette Waldinger-Thiering: Bildung ist und bleibt die tragende Säule der Gesellschaft

Presseinformation Kiel, den 16.09.2026
Es gilt das gesprochene Wort


Jette Waldinger-Thiering TOP 1 Aktuelle Stunde – „PISA – Bildung braucht Priorität“
„Zusammengefasst: Wir müssen die Eltern in der frühkindlichen Entwicklung bedarfsgerecht begleiten. KiTa muss als Bildungs- und Fördereinrichtung anerkannt und ausgestattet werden. Die Übergänge von KiTa zur Schule und den verschiedenen Schulformen bis zur beruflichen Bildung müssen fließend und durchlässig sein. Kita Fachkräfte und Lehrkräfte brauchen eine gute pädagogische und fachliche Ausbildung und müssen dann auch angemessen bezahlt werden.“
Wieder einmal bekommen wir es durch die Pisa Studie schwarz auf weiß vorgelegt; unser Bildungssystem funktioniert nicht gut genug. Jetzt kann man anfangen zu rechtfertigen, dass auch in vielen anderen Ländern die Ergebnisse schlechter geworden sind und man sich in vielen Ländern Europas und sogar in Skandinavien fragt: „Was ist hier passiert? Wo haben wir verpasst gegenzusteuern?“ Viele machen sich es jetzt leicht und sagen; die sozialen Medien sind schuld an allem und die Bildungskrise ist eigentlich eine Erziehungskrise und schieben somit die Verantwortung auf die Eltern. Aber so einfach ist es nicht. Denn nicht nur der Familienalltag hat sich geändert- der Alltag der gesamten Gesellschaft hat sich unter anderem durch Digitalisierung und digitale Medien geändert und neu entwickelt. Digitale Medien und besonders soziale Medien sind aus unserem Alltag privat wie beruflich nicht mehr wegzudenken. Jetzt kommt es darauf an, dass wir es schaffen einen gesunden Umgang damit zu entwickeln. Unsere Kinder und Jugendliche müssen einen gesunden Umgang mit digitalen Medien erlernen, um angemessene gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Natürlich haben die Eltern hier eine Vorbildfunktion und Verhaltensweisen werden zu Hause erlernt. Aber der Umgang mit Medien muss auch Teil der Schulbildung sein. Vor allem müssen klare Rahmenbedingungen und Regeln geschaffen werden, damit Eltern überhaupt wissen, was sie ihren Kindern vorleben sollten. Früher saßen Kinder auch unangeschnallt mit rauchenden Eltern im Auto und keiner hat sich was dabei gedacht. Die kritische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit digitalen Medien wie sozialen Medien und KI hat gerade erst begonnen und muss auch in den Schulen weitergeführt werden. Die Pisa Studie wie auch alle anderen Bildung Erhebung zeigen, dass unsere Definition und strukturelle Umsetzung von Bildung nicht mehr zeitgemäß sind, wir brauchen eine ganz neue Haltung zur Bildung. Sie passt nicht mehr zu den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer 2
Zeit. Aber jetzt im Detail: Bildung beginnt nicht erst in der Schule, das hat ja auch unsere Bundesfamilienministerin verstanden. Bildung beginnt mit der Lernentwicklung ab der Geburt. D.h. aber nicht, dass man Eltern und Familien hiermit allein lässt. Um die gesellschaftliche Schere der Chancengleichheit gar nicht erst auseinandergehen zu lassen, müssen bedarfsgerechte Beratung und Bildungsangebote der frühen Hilfen wie auch qualifizierte Plätze für Krippenbetreuung zur Verfügung stehen. Die KiTa ist heute nicht mehr ein bisschen Betreuung am Vormittag, damit die Mutter mal in Ruhe, den Haushalt oder den Einkauf machen kann. Nein- die KiTa ist notwendig, damit die Eltern den nötigen Lebensunterhalt verdienen können. Selten reicht hier ein Alleinverdiener, so wie es vor 20-30 Jahren war, noch aus. Viele Eltern können sich nicht einmal mehr leisten, in Teilzeit zu arbeiten, obwohl sie Kinder betreuen. Heute sind die Familien abhängig davon, dass das System KiTa funktioniert. Wenn die KiTa dann aber nur eine Betreuungsfunktion übernehmen kann, weil die Ressourcen für Bildungsförderung fehlen, dann zeigt sich das Dilemma der heterogenen Entwicklung im Vorschulalter, dass jetzt mit dem Sprachtest behoben werden soll. Die Kinder kommen nicht nur mit sehr heterogenen Voraussetzungen zur Einschulung, sondern teilweise sogar mit fehlender Schulreife. Deshalb muss noch mehr Fokus auf die Übergänge gelegt werden- KiTa und Schule muss eng verknüpft werden. Nach vier Jahren Grundschulzeit wird dann bereits separiert, Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe, mit Oberstufe oder Gymnasium. Dabei haben sich einige Kinder gerade erst in das System Schule eingelebt und vielleicht konnten bei Bedarf bereits individuelle Förderstrukturen aufgebaut werden. Durch die Trennung der Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse, haben wir in Deutschland einen massiven Nachteil, was Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit betrifft. Wenn wir daran festhalten, wird sich die gesellschaftliche Schere noch weiter auseinandergehen. Zusammengefasst: Wir müssen die Eltern in der frühkindlichen Entwicklung bedarfsgerecht begleiten. KiTa muss als Bildungs- und Fördereinrichtung anerkannt und ausgestattet werden. Die Übergänge von KiTa zur Schule und den verschiedenen Schulformen bis zur beruflichen Bildung müssen fließend und durchlässig sein. Kita Fachkräfte und Lehrkräfte brauchen eine gute pädagogische und fachliche Ausbildung und müssen dann auch angemessen bezahlt werden. Es gibt mehr als 300 Maßnahmen der Länder und zahlreiche Maßnahmen vom Bund, die der Chancenungleichheit entgegenwirken sollen. Diese verdampfen momentan im System wie auf einem heißen Stein, solange wir nicht grundsätzliche Strukturen ändern. Schule muss ein sicherer Lernort sein, wir brauchen eine gute Schulkultur. Schule ist nicht nur ein Lernort, sondern ein Lebensort für Kinder und Jugendliche. Deshalb darf Schule nicht mehr überfrachtet werden. Schule braucht Zeit und Raum, um guten Unterricht zu bieten. Es braucht Kontinuität in der Struktur und stabile Beziehung. Gute, verlässliche Lehrkräfte, die ihre Klasse und die Bedürfnisse ihrer Schüler kennen, statt Unverbindlichkeit durch wechselnde Vertretungslehrkräfte und Unterrichtsausfall. Am Beispiel Estland kann man sehen, dass Unterrichtsinhalte reduziert werden müssen, stattdessen muss man den Fokus intensiv auf bestimmte Kernkompetenzen legen. So bekommen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler die Chance, sich in Themen zu vertiefen. Außerdem müssen die Klassengrößen reduziert werden, viele Probleme entstehen erst durch zu große Klassen. Doppelbesetzung müssen konsequent belegt werden. Das hat man auch in Skandinavien erkannt. Verwaltungsaufgaben für Lehrkräfte und pädagogisches Personal muss auf ein Minimum reduziert werden. Lernmittel müssen zur freien Verfügung stehen. Und das sind nur einige Punkte, die für eine gute Schulkultur wichtig sind, damit unsere Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft einen erfolgreichen Bildungsweg gehen können. Für ein Chancen gleichen Bildungsweg müssen wir unsere Haltung zur Bildung ändern. 3
Bildung muss einen neuen Fokus bekommen.
Ein gutes Bildungssystem ist für die Gesellschaft genauso wichtig wie eine stabile Wirtschaft und funktionierende Infrastruktur- die Priorität bei Finanzierung und Förderung muss bei Bildung auf gleicher Höhe sein. Bildung ist und bleibt die tragende Säule der Gesellschaft, nur eine gut gebildete Generation kann mit Resilienz, mit Vertrauen in ihre Kompetenzen und mit Kreativität ihre Lebenswelt und Gesellschaftsstrukturen prägen und weiterentwickeln.


Hinweis: Diese Rede kann hier ab dem folgenden Tag als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek/

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