Die alten cremefarbenen Gardinen hängen noch vor den hohen Fenstern, die weißen Holzgitter kaschieren noch die Heizungen und im ehemaligen Vorzimmer gibt es noch die edlen, dunklen Holzvertäfelungen an der Wand. Ansonsten erinnert heute nichts mehr an die Zeit, als das wasserseitige, linke Eckbüro in der ersten Etage des Landeshauses die Zentrale der Macht Schleswig-Holsteins war. Über die Jahrzehnte residierten hier Regierungschefs wie Peter Harry Carstensen (CDU), Heide Simonis (SPD), Björn Engholm (SPD) und Uwe Barschel (CDU). Heute teilen sich Mitarbeitende von der Öffentlichkeitsarbeit der Grünen-Fraktion die rund 60 Quadratmeter. Moderne Schreibtische, Flachbildschirme, Topf-Pflanzen und eine dunkelgrüne Sitzecke statt unzähligen Stapeln von Regierungsmappen und der Landesflagge.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das neu gegründete Nord-Parlament zunächst keinen festen Sitz – die ersten Landtage ab 1946 hielten ihre Plenarversammlungen an verschiedenen Orten in Kiel ab: im Neuen Stadttheater, dem heutigen Schauspielhaus, im Hörsaal der Milchforschungsanstalt oder im Festsaal der Pädagogischen Hochschule. Oder sie gingen auf Wanderschaft durchs Land. 1950 zog das Parlament schließlich in die während der Kriegsjahre stark beschädigte und gerade wiederhergestellte frühere Marineakademie ein. Der Name „Landeshaus“ hatte sich bald eingebürgert. „Das Wandern des Schleswig-Holsteinischen Landtages ist nun vorbei; wir haben unseren eigenen Plenarsaal“, freute sich Landtagspräsident Karl Ratz zu Beginn der ersten Sitzung in neuer Umgebung am 3. Mai 1950. Allerdings: Der Landtag war nun Untermieter der Landesregierung.
Innenministerium als Hausherr
Das Landesparlament rückte unter ein Dach mit der Landeskanzlei, der späteren Staatskanzlei, und mit Abteilungen mehrerer Landesministerien. Hausherr war das Innenministerium, das die Mehrzahl der Räume nutzte. Schnell platzte das Gebäude aus allen Nähten. Mitarbeiter und Abgeordnete bezeichneten ihr Arbeitsumfeld als „unzulänglich“, „unerträglich“ und „eines Parlaments unwürdig“. Ab Ende der 50er Jahre war sogar ein Landtagsneubau im Gespräch. Diskutierte Standorte: der Kieler Schlossgarten, ein Gelände beim Wirtschaftsministerium, später auch das Kieler Schloss und das Conti-Hansa-Hotel am Seegarten.
Aus Kostengründen blieb es beim Landeshaus als Parlamentssitz. Es folgten Um- und Anbauten. Nach und nach zog die Regierung aus. So erhielt das Innenministerium 1983 einen Neubau in unmittelbarer Nachbarschaft. Als letztes siedelte im Sommer 2006 die Staatskanzlei, die zuvor auf drei Standorte verteilt war, mit rund 140 Mitarbeitern komplett um. An zwei Wochenenden im August bezogen die Staatsdiener ihr neues Domizil. Dutzende Mitarbeiter mit Hunderten Umzugskartons machten sich auf den Weg – und verwirklichten damit die Gewaltenteilung in Schleswig-Holstein auch architektonisch.
Kostenreduzierung im Fokus
Das Ziel des Großumzugs: Kosten sparen. Die unter der CDU/SPD-Koalition 2005 neu zugeschnittenen Ressorts sollten räumlich unter ein Dach. „Wir könnten in den derzeitigen Strukturen auch ohne Umzug arbeiten, aber wir wollen besser und vor allem preiswerter arbeiten“, begründete Carstensen den Tapetenwechsel. Im Landeshaus waren zuvor nur noch der „MP“ sowie sein Stab und die Pressestelle ansässig. Heute vor 20 Jahren, am 4. September 2006, führte der Ministerpräsident seine Amtsgeschäfte erstmals vom neuen Dienstsitz aus. Damit war Schleswig-Holstein das letzte Flächenland, das Legislative und Exekutive, Parlament und Regierung, auch räumlich voneinander trennte.