
Mit dem Rollwagen durch die Gänge: Hendrik Timm hilft in der Poststelle.
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Foto: Lars Hartwich
„Moin“, ruft Hendrik Timm in das Büro hinein, einen Stapel Briefe in der Hand. „Moin, Moin“, schallt es freundlich zurück, die Briefe wechseln den Besitzer. Der 29-jährige Timm hat erst vor einer halben Stunde in der Personalabteilung seinen Praktikumsvertrag unterzeichnet, jetzt darf er – begleitet von einem erfahrenen Mitarbeiter der Poststelle – den blauen Rollwagen mit den gelben Postkisten durch die vielen Gänge und Türen des Landtagsgebäudes bugsieren. „Man kriegt so schnell viele Kontakte, sieht neue Gesichter.“ Timm ist sichtlich begeistert.
„Schichtwechsel“, so heißt ein jährlicher Aktionstag der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Deren Beschäftigte können an diesem Tag Erfahrungen in neuen Berufsfeldern des allgemeinen Arbeitsmarktes sammeln. Andersherum können dessen Beschäftige in Werkstätten Einblicke in den Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderungen bekommen. So sollen Begegnungen und neue Perspektiven ermöglicht sowie Vorurteile und Klischees abgebaut werden.
Post im Landtag und Nebengebäuden verteilt
Hendrik Timm arbeitet seit vielen Jahren in den Werkstätten des Eiderheims in Flintbek unter Trägerschaft des Landesvereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein. „Als ich von meinem Chef gefragt wurde, ob ich beim Aktionstag mitmachen und im Landtag arbeiten will, habe ich mich gefreut und zugesagt“, so Timm. Nachdem er an diesem Morgen in mehreren Fuhren erfolgreich die Post im Landtagsgebäude und Nebengebäuden verteilt und dabei auch ausgehende Post abgeholt hat, darf er sich an der modernen Frankier-Maschine in den Räumlichkeiten der Poststelle probieren. Nach kurzer Zeit flutschen die Postsendungen am Stempelmechanismus vorbei: „Das ist schon toll, mit welcher Geschwindigkeit die Briefe eingezogen und verarbeitet werden“, sagt Timm beeindruckt.
Mitarbeiter Henning Schulz (re.) erklärt Hendrik Timm die Druckmaschine.
Foto: Landtag, Sönke Ehlers
Die Poststelle ist nur die erste von vier Stationen, die der Kurzzeit-Praktikant an diesem Tag durchläuft. Direkt danach führt sein Weg in die Druckerei des Landtages, hier werden unter anderem Broschüren und Parlamentspapiere gedruckt. In den Werkstätten des Eiderheims ist Timm ebenfalls in deren Druckerei tätig und dementsprechend neugierig. Ein Mitarbeiter erklärt ihm im Büro am Bildschirm die Erstellung von Visitenkarten und Besucherausweisen, bevor es zum Raum mit den großen Druckmaschinen geht, wo Timm sich die Arbeitsabläufe zeigen lässt. An einer Schneidemaschine werden schließlich jeweils acht Karten aus den frisch gedruckten DIN-A4-Bögen ausgeschnitten, ein dicker Stapel Papier kann von den extrem scharfen Messern der Maschine auf ein Mal durchgeschnitten werden. Hendrik Timm darf auch einmal die auslösenden Tasten drücken. Wie ist es hier im Vergleich zu seinem Arbeitsplatz? Timm: „Bei uns stehen die Maschinen an der Wand und nicht in der Mitte des Raumes, aber die Arbeit in unserer Druckerei ist sehr ähnlich und so eine Schneidemaschine haben wir auch, unsere ist sogar etwas größer.“
Letzte Station: Sicherheitszentrale
Gemeinsam mit Carolin Schäfer (li.) vom Referat für Öffentlichkeitsarbeit bereitet Hendrik Timm die Info-Mappen für die Teilnehmer einer Tagung im Landtag vor.
Foto: Landtag, Sönke Ehlers
Nach einer Currywurst mit Pommes Frites und einem Kakao zur Mittagspause in der Landtagskantine ist die dritte Station das Referat für Öffentlichkeitsarbeit, dort wartet bereits eine Aufgabe. Die Mitarbeitenden bereiten gerade 100 Mappen mit Informationen vor, die am nächsten Tag an die Teilnehmer einer Tagung im Landtag verteilt werden sollen. Dazu müssen diese Mappen allerdings erst einmal sauber und ordentlich in Form gefaltet und dann mit den Infobögen befüllt werden, konzentriertes Arbeiten ist angesagt. Timm kennt solche Abläufe, sagt er, faltet routiniert und hat schnell einen großen Stapel fertig.
Letzte Station ist die Sicherheitszentrale am Haupteingang des Landeshauses. Ein Mitarbeiter des Wachdienstes erklärt anhand der vielen Bildschirme im Überwachungsraum die Kamerasysteme rund um das Landtagsgebäude, danach die Sicherheitsschleusen im Eingangsbereich. „Diese ganzen Sicherheitsvorrichtungen gibt es bei uns so nicht“, staunt Timm. Zum Abschluss nimmt ihn der Wachmann noch mit in den gläsernen Plenarsaal, erklärt die technischen und auch die parlamentarischen Abläufe. Um 14 Uhr ist der „Schichtwechsel“ für Hendrik Timm zu Ende. Und der ist etwas erschöpft und sehr beeindruckt: „Ich habe heute so viel gesehen und erlebt, das muss ich erst einmal in Ruhe verarbeiten“, sagt er. „Morgen hab ich bei meinen Kollegen in der Werkstatt auf jeden Fall ganz viel zu erzählen.“
Landtagspräsidentin zerlegt Jägerstände für Transport
Und die andere Seite des „Schichtwechsels“? Landtagspräsidentin Kristina Herbst besucht an diesem Tag im Gegenzug das Eiderheim Flintbek, um dort Einblicke in die Aufgaben der Mitarbeitenden zu bekommen. In der Tischlerei baut sie Jägerstände auseinander und macht sie transportfähig, etikettiert in der Industrie-Gruppe IKEA-Möbel für den Verkauf um. Ihr Fazit: „Die Aktion ,Schichtwechsel' ist eine tolle Aktion. Spannend ist, dass es ein gegenseitiger Tausch ist, das ist für beide Seiten eine tolle Erfahrung.“
Landtagspräsidentin Kristina Herbst bei der Arbeit im Eiderheim Flintbek.
Foto: Landtag, Sophie Seidel