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10.11.21
09:58 Uhr
Landtag

Neue Ausstellung im Rahmen des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" eröffnet - Erinnerung an 9. November 1938

Nr. 109 / 10. November 2021


Neue Ausstellung im Rahmen des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ eröffnet – Erinnerung an 9. November 1938

Parlamentsvizepräsidentin Kirsten Eickhoff-Weber hat gestern (Dienstag) die Ausstellung des Leo Baeck Institute New York | Berlin „Shared History – 1.700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum“ eröffnet. Der Landtag gestaltete den Abend mit den Partnern der Schau sowie in Kooperation mit den jüdischen Landesverbänden in Schleswig-Holstein und dem Landesbeauftragten für politische Bildung. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch an die Novemberpogrome vor 83 Jahren erinnert.
Die Ausstellung erzähle von 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland – das von Beginn an immer wieder von Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt gegen Juden geprägt gewesen sei, so die Landtagsvizepräsidentin. „Aber zu diesem jüdischen Leben in Deutschland gehörten auch großartige Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte und Kultur und ein ganz selbst- verständliches, oft vertrautes Miteinander.“ In der Mitte dieses Zusammenlebens habe sich am 9. November 1938 der Zivilisationsbruch der deutschen Geschichte gezeigt. „Das Ungeheuerliche dieser Nacht war der grausame Vertrauensbruch unter Mitmenschen – es waren nicht allein die Schergen der Nationalsozialisten, die mit Fackeln durch die Städte zogen, um jüdisches Leben zu brandmarken und zu vernichten und nicht nur Unbekannte, die unsägliches Leid brachten“, hob Eickhoff-Weber hervor. „Es waren auch die eigenen Nachbarn, die für Jüdinnen und Juden zur existenziellen Bedrohung wurden. Diese Nacht führte mit aller Gewalt allen, die sehen wollten, vor Augen, dass das jüdische Volk in größter Gefahr ist.“
Die Botschaft des 9. November 1938 angesichts des gegenwärtig wachsenden Antisemitismus sei glasklar, betonte die Vizepräsidentin: „Niemals wieder dürfen wir Menschen aus unserer Mitte zum Ziel von Hass und Gewalt werden lassen. Nie mehr dürfen wir schweigend und tatenlos zusehen, wenn so etwas passiert.“ Für jede Demokratin und jeden Demokraten gelte es, sich gegen Antisemitismus, Rassismus und jedwede Form von Ausgrenzung und Ablehnung zu stellen und Sorge dafür zu tragen, dass sich jüdisches Leben heute frei entfalten könne, betonte Eickhoff- 2

Weber. „Jüdisches Leben gehört zu uns – deshalb müssen wir es zeigen, sichtbar machen und ein viel stärkeres Bewusstsein dafür schaffen.“ Wie eng die jüdische Kultur und der Alltag der Mehrheitsgesellschaft miteinander verflochten seien, zeige die Ausstellung des Leo Baeck Institute. „Sie erzählt uns unsere gemeinsam geteilte Geschichte. Aber wir teilen nicht nur diese 1.700 Jahre, sondern auch die aktuellen und künftigen Herausforderungen. Wir alle haben es in der Hand, eine gemeinsam geteilte Gegenwart und Zukunft zu gestalten.“
Nach der Begrüßung durch die Landtagsvizepräsidentin gab die Leiterin der Berliner Repräsentanz des Leo Baeck Institute Miriam Bistrovic eine Einführung in die Ausstellung „Shared History“. Die gezeigten Objekte und deren Geschichten seien mehr als bloße Mahnungen, erklärte Bistrovic. „Sie sind unschätzbare Quellen für zukünftige Generationen. Die darin geschilderten Erfahrungen bieten Anknüpfungspunkte für Herausforderungen der Gegenwart und sind in diesen Wochen leider aktueller denn je.“ Die Schau wolle auch die stete Überschattung jüdischer Geschichte in Deutschland durch den nationalsozialistischen Völkermord verdeutlichen, so Bistrovic, „dessen bis in die Gegenwart reichende Folgen im deutsch-jüdischen Lebensalltag und den mühevollen Neubeginn jüdischen Lebens aus den Trümmern des deutschsprachigen Judentums“.
In einer von Jessica Schlage moderierten Gesprächsrunde diskutierten Eickhoff-Weber und Bistrovic anschließend mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung Christian Meyer- Heidemann, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinschaft von Schleswig- Holstein Igor Wolodarski, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein Walter Blender, dem Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg Jonas Kuhn sowie der Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde Kiel und Region e.V. Viktoria Ladyshenski und Aytan Ayubova von der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V., beide zuständig für das Projekt „Seht Mal! – Jüdisches Leben in Deutschland auf dem Weg zur Normalität“. Gemeinsam blickten die Gesprächspartner auf die 1.700-jährige „geteilte“ Geschichte, auf jüdisches Leben und jüdische Kultur in Deutschland und Schleswig-Holstein, aktuelle Probleme – und die Frage, was jeder Einzelne täglich dazu beitragen könne, aus der „Shared History“ eine „Shared Future“ zu machen.
Er wolle sogar von „Shared Futures“ sprechen, erklärte der Landesbeauftragte für politische Bildung, denn: „Wir erleben eine selbstbewusste und sehr vielschichtige Generation junger Menschen jüdischen Glaubens. Das stimmt mich hoffnungsvoll.“ Meyer-Heidemann erinnerte aber auch daran, dass nicht nur über Jüdinnen und Juden geredet werden solle – „wir müssen vor allem mit ihnen reden“.
Die Vorsitzenden der beiden jüdischen Landesverbände berichteten, dass der Antisemitismus und antisemitische Übergriffe eindeutig zu den großen Herausforderungen gehörten und appellierten daran, bereits bei Vorurteilen hellhörig zu werden und einzuschreiten. Er habe den Eindruck, dass die Zahl der Antisemiten in Deutschland konstant bleibe, sagte Igor Wolodarski. „Das Problem ist aber, dass sie hemmungsloser werden.“ Die Gesellschaft empfinde er als gespaltener als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten und die Ränder radikalisierten sich. „Das können sie auch, denn die Mitte bleibt ruhig. Deswegen ist es die Aufgabe der Gesellschaft, die Stimme zu erheben und der Radikalisierung Einhalt zu gebieten.“ Ein weiteres Problem für die jüdischen Gemeinschaften sei, 3

dass sie tendenziell kleiner würden, erläuterte Walter Blender. „Die Zuwanderung nimmt ab und wir sehen uns mit der Frage konfrontiert, wie es mit unseren Zentren und Gemeinden weitergeht und wie wir eine lebendige jüdische Gemeinschaft in Deutschland erhalten.“
Ladyshenski, Ayubova und Kuhn berichteten von dem gemeinsamen Projekt „Seht mal!“, das mit Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft jüdisches Leben in und um Kiel sichtbar macht und durch Workshops und weitere Aktivitäten Begegnungen schafft, die dazu beitragen, Antisemitismus und Vorurteile abzubauen. Für „Shared History“ haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts Tafeln erarbeitet, die die Ausstellung ergänzen.


Hinweise:
Der Besuch der Ausstellung im ersten Obergeschoss ist kostenlos, lediglich ein Ausweisdokument muss vorgezeigt werden. Die Schau kann vom 10. November bis zum 12. Dezember täglich von 10 bis 18 Uhr unter Einhaltung der aktuellen Hygiene- und Abstandsregelungen von Einzelpersonen besucht werden.


Hintergrund zur Ausstellung:
Die Wanderausstellung ist im Auftrag des Deutschen Bundestages entstanden und aus dem digitalen Ausstellungsprojekt „Shared History“ des Leo Baeck Institutes hervorgegangen. Sie führt die gemeinsam geteilte Geschichte vor Augen, indem sie auf Glaspaneelen ausgewählte Objekte aus 1.700 Jahren zeigt: religiöse und profane Objekte des jüdischen Kultur- und Alltagslebens, aber auch Zeugnisse des Holocaust. Die Schau gastierte bereits im Deutschen Bundestag und im Thüringer Landtag in Erfurt, das Kieler Landeshaus ist der dritte Ausstellungsort.


Hintergrund zu den Partnern der Ausstellung:
Das Leo Baeck Institute – New York | Berlin ist eine Forschungsbibliothek und ein Archiv, das sich der Geschichte des deutschsprachigen Judentums widmet. Es beheimatet Sammlungen, die zu den wichtigsten Primärquellen jüdischer Geschichte Mitteleuropas gehören und auf nahezu jeden Aspekt der deutsch-jüdischen Erfahrung eingehen.
„Seht Mal! – Jüdisches Leben in Deutschland auf dem Weg zur Normalität“ ist ein Projekt unter der Trägerschaft der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein e. V., in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Kiel und Region, dem Jüdischen Museum in Rendsburg sowie zebra e. V. Gefördert wird es von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). Ziel ist es, jüdisches Leben in Schleswig-Holstein sichtbar zu machen und Begegnungen zu schaffen, die dazu beitragen, dass Antisemitismus und Vorurteile abgebaut werden.