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2. Juli 2026 – Sozialausschuss

Mager-Trend: Vor allem Mädchen und Frauen betroffen

Fachleute aus der Medizin, Prävention und Beratung diskutieren im Sozialaussschuss mit den Abgeordneten über Essstörungen und über Wege, wie die Politik Betroffenen im Land helfen kann.

Essstörung, Magersucht
Viele Menschen, die an einer Essstörung leiden, sind von einer Depression oder Zwangsstörungen betroffen.
© Foto: dpa, Annette Riedl

Hungern für ein vermeintliches Schönheitsideal: Vor allem Mädchen und junge Frauen leiden an Essstörungen. Auslöser können eine Depression oder eine Zwangsstörung sein. Aber auch Abnehm-Trends in den Sozialen Medien spielen eine Rolle. Der Sozialausschuss hat heute (2. Juli) mit Fachleuten aus den Bereichen Medizin, Prävention und Beratung diskutiert, wie die Politik gegensteuern kann – und wie gut die Betroffenen im Lande versorgt sind.

Damaris Hallmann-Sroor vom Verein „Frauen helfen Frauen“ aus dem Kreis Stormarn beschrieb die Magersucht als „Gewaltakt gegen sich selbst“. Menschen mit einem destruktiven Verhältnis zum eigenen Körper versuchten, über die Gewichtsabnahme die Kontrolle über das eigene Aussehen zu gewinnen. Michael Munz, Leiter des Zentrums für Integrative Psychiatrie (ZIP) in Kiel sprach von einer Erscheinung, die „exklusiv für westliche Industrienationen“ sei und die mit Schönheitsidealen in den Medien zu tun habe. Man dürfe die Gesundheit der Jugendlichen nicht Influencern überlassen, „die nach dem Datengeschäftsmodell arbeiten“. Grundlage der Debatte war ein Regierungsbericht. Demnach sind 80 bis 90 Prozent der Erkrankten weiblich, und bei 62 Prozent wird zudem eine Depression diagnostiziert.

Angebote miteinander vernetzen

Das Land setzt demnach auf Suchtberatung, sozialpsychologische Dienste, Schulpsychologen und auf ambulante wie stationäre ärztliche Betreuung. Außerdem ist der Verbrauchschutz gefragt, um vor Diätprodukten oder Abführmitteln zu warnen. Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein macht auf Web-Inhalte aufmerksam, „die Essstörungen verharmlosen oder ungesunde Körperideale fördern“. Wichtig ist es nach Auffassung der Experten, dass die unterschiedlichen Angebote miteinander vernetzt sind. Der Therapieerfolg hänge von der „lückenlosen Begleitung“ ab, betonte Heiner Garg (FDP).

Und: Je früher das Thema ins Bewusstsein rückt, desto besser. Birte Pauls (SPD) rief dazu auf, die gesunde Ernährung bereits in der frühkindlichen Bildung in den Kitas anzusprechen. An den Grundschulen regte sie erneut eine „Gesundheitsschulfachkraft“an. Jasper Balke (Grüne) betonte die Bedeutung der „ersten 1.000 Tage“ im Leben eines Menschen. In dieser Zeit werde auch die Grundlage für eine gesunde Ernährung gelegt. Ralf van Heek, Vorsitzender des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, plädierte für besseres Essen in Kindergarten und Schule: „Was wir an Ernährung in den Gemeinschaftseinrichtungen haben, ist ein Desaster.“ Auch an weiterführenden Schulen müsse das Thema „Gesundheit und Kontrolle“ behandelt werden, mahnte er, etwa in den Fächern Philosophie, Religion und Biologie.

Rolle des sozialen Status der Eltern umstritten

Widerspruch gab es gegen die Aussage des Gesundheitsministeriums, wonach „die Rate der Neuerkrankungen über die letzten zehn Jahre relativ stabil geblieben“ ist. Eva-Maria Koller von der Beratungsstelle Eß-o-Eß aus Kiel verwies auf eine massiv gestiegene Nachfrage und lange Wartelisten. In Schleswig-Holstein gebe es eine „strukturelle Unterversorgung“ bei Beratung und Therapie, insbesondere im ländlichen Raum, und die Hilfsangebote seien nicht ausreichend finanziert.

Umstritten blieb auch, welche Rolle der soziale Status des Elternhauses spielt. Laut Regierungsbericht liegt die Wahrscheinlichkeit einer Bulimie- oder Anorexie-Erkrankung „in den niedrigen Einkommensgruppen teilweise mehr als doppelt so hoch“ wie in wohlhabenderen Familien. Eß-o-Eß hat etwas Anderes beobachtet: „Unsere Klientel ist sozial stark durchmischt. Essstörungen sind eine gesamtgesellschaftliche Erkrankung.“

Umzug in Wohngruppe hilft oft

Christian Dirschauer (SSW) unterstrich die Bedeutung der „Angehörigenarbeit“ und forderte Hilfsangebote auch für Eltern und Geschwister. „Die Familie ist oft Teil des Problems“, erwiderte Clemens Veltrop, Präsident der Psychotherapeutenkammer. Für die Betroffenen sei es oft das Beste, in eine Wohngruppe umzuziehen. Veltrop wies zudem darauf hin, dass die Magersucht nicht die einzige Form der Essstörung sei: „Die Adipositas wird zu wenig beachtet“, denn Übergewicht könne auch in jungen Jahren zu Herzinfarkt, Schlaganfällen oder Diabetes führen.