
Die Wanderausstellung „Reinhard Heydrich. Karriere und Gewalt“ ist bis zum 16. August im Landeshaus zu sehen.
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Foto: Landtag, Lea Becher
Die Eingangshalle des Landtages ist lichtdurchflutet. Die hellbraunen Holzregale an der rechten Seite bieten Besucherinnen und Besuchern eine Auswahl an Broschüren, gepolsterte Bänke laden zum Verweilen ein. Doch seit dem 27. Mai sieht die Halle anders aus: Schwarze Informationstafeln und kalter Stahl versperren den direkten Weg zum Plenarsaal. Normalerweise bleibt bei Ausstellungen dieser Bereich aus Gründen der Neutralität frei. Aufgrund der Größe der Wanderausstellung der Stiftung Topographie des Terrors und der Wichtigkeit des Themas ist eine Ausnahme gemacht worden.
Der Ort der Ausstellung wurde bewusst gewählt: Denn dort, wo heute Abgeordnete über Demokratie diskutieren, spazierte vor 95 Jahren Reinhard Heydrich – später einer der mächtigsten Männer im NS-Terrorapparat – durch die Flure. Als Nachrichtenoffizier war er in der Marinestation der Ostsee, dem heutigen Landeshaus, stationiert. Dr. Andrea Riedle, Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors, die an diesem Tag durch die Ausstellung führt, gibt einen Einblick in die Konzeption der Ausstellung und erzählt, worauf sie und ihr Team besonders geachtet haben. Die größte Herausforderung sei gewesen, Heydrich als Täter sichtbar zu machen – ohne ihn zu verherrlichen oder zu mythologisieren.
Familienurlaub an der Ostsee (Foto in der Mitte): Seit Mitte der 1930er Jahre besaß die Familie Heydrich ein Ferienhaus auf Fehmarn.
Foto: Landtag, Lea Becher
Heydrichs Verbindung zu Schleswig-Holstein
Das Auftaktkapitel „Herkunft und Prägungen“ thematisiert Heydrichs Kindheit und Karriere in der Marine. Sein Vater besaß in Halle an der Saale ein Musikkonservatorium, Heydrich wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Allerdings: „Statt sich für eine Karriere als Musiker zu entscheiden, begeisterte sich Heydrich für das Militär“, erzählt Riedle. „Dies ist typisch für die sogenannte Kriegsjugendgeneration, der Heydrich angehörte. Er erlebte den wirtschaftlichen Abstieg seiner Familie infolge des Ersten Weltkrieges, musste aber selbst keinen Kriegsdienst leisten.“
1922 trat Heydrich in Kiel als Seekadett in die Reichsmarine ein und absolvierte eine Ausbildung zum Offizier. Bis 1931 schien es, als läge Heydrichs Zukunft auf See. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als er aufgrund von Verlobungszusagen an zwei Frauen wegen „ehrenwidrigen Verhaltens“ aus dem Marinedienst ausgeschlossen wurde. Während seiner Zeit in Kiel lernte Heydrich seine spätere Ehefrau Lina von Osten kennen, die auf Fehmarn geboren und auf der Insel aufgewachsen war. Wie Heydrich sich nach dem Ende seiner Marinelaufbahn der NSDAP zuwandte, zeigt das folgende Kapitel: „Die SS als zweite berufliche Chance“. Die weiteren Hauptkapitel – „Aufstieg im nationalsozialistischen Terrorapparat“, „Entgrenzte Gewalt – Heydrich im Krieg“ und „Statthalter Hitlers in Prag“ – skizzieren, wie Heydrich als gescheiterter Marineoffizier zu einem der mächtigsten Männer im NS-Terrorapparat wurde.
Dr. Andrea Riedle, Stiftungsdirektorin, führt durch die Ausstellung und gibt einen Einblick in die Konzeption.
Foto: Landtag, Sönke Ehlers
Perspektivenwechsel hin zu den Opfern der NS-Gewalt
Doch der Fokus der Ausstellung liege nicht alleine auf Heydrichs Karriere, erklärt Riedle. „Heydrich agierte nicht isoliert, sondern im Rahmen eines Netzwerkes von Akteuren. Er hatte Förderer und Konkurrenten sowie loyale Mitarbeiter.“ Um diese Verbindungen sichtbar zu machen, seien Kurzbiografien von Personen aus diesem Netzwerk in die Ausstellung eingebaut worden. Die Stiftungsdirektorin betont, dass sie einen besonderen Wert auf den wiederkehrenden Perspektivenwechsel hin zu den Opfern der Verfolgungs- und Mordpolitik lege. „Auf diese Weise rücken die unmittelbaren Auswirkungen der NS-Gewaltpraxis auf die Betroffenen in den Mittelpunkt.“
Am Beispiel vom Staatsakt für Heydrich nach dessen Tod verdeutlicht Riedle die Herangehensweise der Stiftung, um einer Mythologisierung vorzubeugen: Von den offiziellen Trauerfeierlichkeiten gebe es umfangreiches Propagandamaterial, das auch spannend sei und das man gerne ausstellen würde. „Aber wir haben uns bewusst gegen die Verwendung von zu viel Propagandamaterial entschieden. Stattdessen zeigen wir einen Kurzfilm über den Staatsakt und direkt darunter ein kritisches Zitat von Thomas Mann zur Kontextualisierung“, präzisiert die Stiftungsdirektorin. Weitere Maßnahmen der Kuratoren waren demnach die Einbindung von Opferperspektiven, die Einbettung von Heydrichs Biografie in den nationalsozialistischen Gewaltapparat sowie der Fokus auf andere Täter.
Das Kapitel „Nachleben eines Massenmörders“ befasst sich mit der Darstellung Heydrichs nach seinem Tod: In der Tschechischen Republik konzentriert sich die Erinnerung auf das Attentat, das als Akt des Widerstands gegen die NS-Besatzung gesehen wird.
Foto: Landtag, Lea Becher
Gegen Desinformation in sozialen Medien
Auf die Frage, ob es die Befürchtung gab, dass die Ausstellung von Rechtsextremen instrumentalisiert werden könnte, hat die Direktorin eine klare Antwort: „Ja, aber wir haben Vorkehrungen getroffen, damit so etwas nicht passiert.“ Es würden beispielsweise keine persönlichen Gegenstände Heydrichs oder Militärobjekte gezeigt. Außerdem gebe es von Heydrich kaum Ego-Dokumente, was einer Mythologisierung entgegenwirke. „Heydrich hat kein Tagebuch geführt, und es gibt nur wenige private Korrespondenzen, die überliefert wurden. Sogar von Heydrichs Stimme existieren nur zwei Aufnahmen.“ Dieser Mangel an Selbstzeugnissen habe dazu beigetragen, dass Heydrich nach seinem Tod zur Projektionsfläche für alles wurde, erläutert die Stiftungsdirektorin. „Der NS-Apparat stellte ihn als gefallenen Märtyrer dar, ehemalige Mitarbeiter schrieben ihm nach dem Krieg vieles zu – und seine Ehefrau beteuerte seine Unschuld.“
Die Ausstellung sei bewusst zugänglich gestaltet, sagt Riedle. So seien Fotos mit Erklärhilfen versehen worden, und großformatige Bildschirme spielten kurze Videos über den Inhalt des jeweiligen Ausstellungsabschnitts ab. Der Besucherdienst des Landtages berichtet zudem von einer positiven Resonanz der Schulklassen. Einige Schülerinnen und Schüler gaben als Feedback, dass auf TikTok und anderen sozialen Medien viele Falschinformationen über den Nationalsozialismus verbreitet würden. Deshalb sei es wichtig, eine Ausstellung zu diesem Thema im Landeshaus zu zeigen.
Ausstellung bis 16. August im Landeshaus
Die Ausstellung „Reinhard Heydrich. Karriere und Gewalt“ der Stiftung Topographie des Terrors ist vom 28. Mai bis zum 16. August 2026 täglich von 10 bis 18 Uhr im Landeshaus zu sehen. Der Eintritt ist frei. Für den Zutritt zum Landeshaus ist ein amtlicher Lichtbildausweis erforderlich.
Nach zwei ausgebuchten Kuratorenführungen durch die Ausstellung im Juni wird eine weitere Führung am 24. Juli angeboten. Die Führung ist zur Zeit ausgebucht, im Fall von Absagen können kurzfristig Plätze verfügbar werden. Eine Anmeldung für die Teilnahme ist erforderlich:
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