
Julia Naumann hat früher selbst als Pressesprecherin und Journalistin gearbeitet.
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Foto: Landtag, Sönke Ehlers
Kommunalpolitik braucht Sichtbarkeit – und die beginnt mit guter Kommunikation. Beim vierten Mandatsträgerinnenempfang im Landeshaus zeigten die Kommunikationsberaterinnen Julia Naumann und Anabel Bermejo von der Berliner Agentur „better nau“, wie Kommunalpolitikerinnen ihre Botschaften klar und verständlich vermitteln und in der Öffentlichkeit souverän auftreten können.
Bereits vor der Abendveranstaltung sprach Volontärin Lea Becher aus der Pressestelle mit den beiden Expertinnen über erfolgreiche Medienarbeit. Im Interview erklären sie, warum Sichtbarkeit zur politischen Arbeit gehört, wie Kommunalpolitikerinnen Interviews und Social Media strategisch nutzen können und weshalb eine klare Haltung im Umgang mit Hasskommentaren wichtig ist.
Lea Becher: Sie sind heute anlässlich des Mandatsträgerinnenempfangs hier, und es geht um die Herausforderungen und Strategien von Kommunalpolitikerinnen im Umgang mit Medien. Warum sind Medienkompetenz und Kommunikation für Kommunalpolitikerinnen wichtig – und welche Rolle spielt dabei das Geschlecht?
Anabel Bermejo: Kommunalpolitikerinnen sind nah an den Bürgerinnen und Bürgern. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie man kommuniziert, mit Medien spricht und öffentlich auftritt. Oft hat man nur 20 Sekunden, um eine Botschaft zu vermitteln – da darf nichts ablenken, sondern es muss on point sein.
Julia Naumann: Wir wollen außerdem Berührungsängste abbauen. Wir waren beide Journalistinnen und Pressesprecherinnen und wissen: Die missglückten Interviews, über die berichtet wird, sind die Ausnahme. Unser Rat lautet: Traut euch, geht raus und macht es einfach.
Brauchen gerade Frauen deshalb Medientraining?
Anabel Bermejo: Von Medientraining profitieren Frauen wie Männer gleichermaßen. Es gibt aber einige Besonderheiten für Frauen. Gerade bei dem Punkt, den Frau Naumann angesprochen hat – sich zu trauen. Es ist oft so, dass mehr Männer interviewt werden und häufiger in den Medien vorkommen, weil Frauen – zumindest nach meiner Erfahrung als Journalistin – eher abwinken und sagen: „Ach nee, das muss ich nicht machen.“ Da kann Medientraining helfen. Und natürlich auch dabei, sich auf mögliche Risiken oder Fallstricke vorzubereiten.
Julia Naumann: Bei einem Medientraining geht es immer um die gesamte Kommunikation, also den öffentlichen Auftritt. Wir erleben bei unseren Kundinnen immer wieder, dass Frauen zögern. Oft wird pseudomäßig noch schnell eine Frau für ein Panel gesucht oder der Moderator wird schlicht durch eine Moderatorin ersetzt, damit nicht nur Frauen auf dem Podium sitzen. Frauen sind genauso qualifiziert wie Männer – trotzdem sind Frauen weiter unterrepräsentiert.
Anabel Bermejo: „Redet über eure Arbeit – Klappern gehört zum Handwerk.“
Foto: Landtag, Sönke Ehlers
Wie gelingt Politikerinnen ein persönlicher, aber nicht privater Auftritt?
Julia Naumann: Wir geben den Tipp, sich fünf Dinge zu überlegen, die man bereit ist, über sich zu erzählen. Das hört sich zunächst etwas mechanisch an. Aber: Die allermeisten Zuschauerinnen und Zuschauer schauen nicht sieben Sender am Tag oder lesen sieben Zeitungen. Die Politikerin sollte sich Bausteine mit Informationen überlegen, die sie in der Öffentlichkeit preisgeben möchte.
Anabel Bermejo: Eine typische Frage lautet zum Beispiel: „Wie entspannen Sie sich?“ oder „Welche Hobbys haben Sie?“ Dann sollte man etwas mehr sagen als nur „Lesen und Kochen“. Man kann es ausführen: „Ich habe einen Garten und entspanne beim Marmeladekochen.“ Oder: „Mich beschäftigt Gesundheitspolitik oder Bildungspolitik sehr, aber ich entspanne mit Büchern über archäologische Ausgrabungen.“ Das ist persönlich, aber nicht privat.
Julia Naumann: Außerdem sagen wir immer: Ihr müsst nicht jede Frage beantworten. Das gilt nicht nur für Politikerinnen. Man kann Stopp sagen, eine Frage unbeantwortet lassen oder sich Zeit zum Nachdenken nehmen. Die allermeisten Interviews sind nicht live. Sie bestehen aus vielen einzelnen Sequenzen. Wir versuchen, diese Furcht zu nehmen, so dass sich niemand ausgeliefert fühlt. Ein Interview lässt sich bis zu einem gewissen Grad steuern.
Anabel Bermejo: Wichtig ist zu verstehen: Ein Interview ist ein Interview. Es ist kein nettes Gespräch beim Kaffee, aber auch keine Prüfung. Es erfüllt eine bestimmte Funktion. Wenn man das versteht, dann sagt man nicht aus Versehen etwas, das man später bereut – und sitzt gleichzeitig auch nicht wie das Kaninchen vor der Schlange.
Wie erreichen Kommunalpolitikerinnen die Menschen heute am besten – über klassische Medien oder Social Media?
Julia Naumann: Zeitungen sind nach wie vor wichtig, auch wenn sie heute oft online gelesen werden. Gleichzeitig gilt für Social Media: Entweder man macht es richtig oder man lässt es. Ab und zu etwas zu posten, bringt wenig. Social Media ist echte Arbeit und nichts, was man nebenbei erledigt.
Anabel Bermejo: Gerade für Kommunalpolitikerinnen sind Regionalzeitungen sehr wichtig. Das gilt auch für regionale Fernsehsendungen. Die Menschen interessieren sich für Themen aus ihrer unmittelbaren Umgebung – deshalb werden solche Angebote nach wie vor stark genutzt.
Julia Naumann: Gleichzeitig informieren sich gerade junge Menschen häufig über Social Media. Deshalb sollte sich jede Kommunalpolitikerin – unabhängig vom Alter – damit beschäftigen. Wir sagen nicht: „Ihr müsst unbedingt TikTok machen.“ Aber wenn man sich für Social Media entscheidet, dann sollte man es konsequent und professionell angehen.
Julia Naumann
Julia Naumann hat als Journalistin und Pressesprecherin gearbeitet. Zehn Jahre lang war die Diplompolitologin Redakteurin und Hauptstadtkorrespondentin der Nachrichtenagentur AFP in Berlin. Sie berichtete aus dem politischen Berlin, begleitete Politiker auf Reisen und unternahm Reporterreisen, unter anderem nach Afghanistan. Von 2010 bis 2014 war sie Pressesprecherin von Amnesty International in Deutschland.
Gibt es Anhaltswerte, wie oft man auf den verschiedenen Plattformen posten sollte?
Anabel Bermejo: Das ist unterschiedlich. Zwei- bis dreimal pro Woche ist ein guter Richtwert. Wichtiger ist aber, dass die Inhalte zum eigenen digitalen Auftritt passen. Man sollte nicht auf Teufel komm raus posten. Wer Spaß daran hat und ein Gespür dafür mitbringt, wird automatisch häufiger aktiv sein. Wer sich jedes Mal dazu zwingen muss, sollte überlegen, ob jemand aus dem Team die Social-Media-Arbeit übernehmen kann. Und das entsprechend sichtbar machen.
Worauf kommt es bei Social Media an?
Anabel Bermejo: Es kommt auf die Zielgruppe an. Wer sagt: „Man muss nicht unbedingt auf TikTok sein“, dem würde jemand anderes entgegnen: „Facebook kannst du vergessen.“ Dabei ist Facebook für bestimmte Altersgruppen nach wie vor eine wichtige Plattform. Gleichzeitig sind auf TikTok die potenziellen Wählerinnen und Wähler von morgen unterwegs. Deshalb sollte man zunächst definieren, wen man erreichen möchte. Erst danach entscheidet man, welcher Kanal der richtige ist – ob Regionalzeitung, regionales Fernsehen oder Social Media.
Julia Naumann: Die Herausforderung bei Social Media besteht darin, komplexe Themen verständlich zu erklären. Wer sich intensiv mit einem Thema wie Windkraft beschäftigt, kennt alle Details. Diese so herunterzubrechen, dass sie auch ein 15-Jähriger versteht, ist die eigentliche Kunst. Das erfordert Zeit und Übung. Und auch Plattformen wie LinkedIn leben davon, dass man regelmäßig präsent ist. Ein Beitrag im Monat reicht in der Regel nicht aus.
Wie geht man mit Hasskommentaren und geschlechtsspezifischen Angriffen um?
Julia Naumann: Wenn man einen sachlichen Fehler gemacht hat, sollte man ihn korrigieren und freundlich darauf reagieren. Geht es um größere Vorfälle, bewegt man sich schnell im Bereich der Krisenkommunikation. Dann ist Transparenz wichtig. Salamitaktik hilft in solchen Situationen nicht. Auf jeden Kommentar würde ich allerdings nicht reagieren. Im Zweifel würde ich das zunächst an mein Team weitergeben, um mich selbst etwas zu schützen.
Anabel Bermejo: Gerade persönliche Angriffe auf Frauen sollte man genau prüfen – insbesondere, wenn sie strafrechtlich relevant sein könnten. Dann sollte man entsprechende Schritte einleiten. Frauen müssen leider oft Dinge aushalten, die weit über Beleidigungen hinausgehen. Häufig sind es Drohungen oder Angriffe weit unter der Gürtellinie.
Julia Naumann: Sehr gut und hilfreich sind Veranstaltungen wie der heutige Abend: Verbündete zu suchen, halte ich für sehr wichtig. Mit anderen Politikerinnen über Erfahrungen zu sprechen – auch über Parteigrenzen hinweg – hilft sehr. Sich auszutauschen und voneinander zu lernen, ist wichtig. Das Schlimmste wäre, wenn alle nur noch Angst hätten, öffentlich sichtbar zu sein. Dann hätten die Haterinnen und Hater gewonnen.
Anabel Bermejo
Anabel Bermejo ist Journalistin und Kommunikationsmanagerin mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung. Von 2014 bis 2020 leitete sie die Stabsstelle Medien & Kommunikation des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin. Zuvor verantwortete sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des ARD-Talks Günther Jauch. Zuvor arbeitete sie beim Nachrichtensender n-tv als multimediale Redakteurin für TV und Online.
Welche Fehler erleben Sie in Interviews besonders häufig?
Julia Naumann: Ein häufiger Fehler ist es, negative Fragen mit einer negativen Formulierung zu beantworten. Wenn jemand fragt: „Diese Windräder verschandeln doch die Landschaft, oder?“, sollte man nicht antworten: „Nein, sie verschandeln die Landschaft nicht.“ Besser ist es, direkt die eigene Botschaft zu setzen: „Windräder sind wichtig für die Energiewende. Sie liefern Strom und sind ein wichtiger Baustein der kommunalen Energieplanung.“ Man sollte die Begriffe aus der Frage nicht unnötig verstärken, sondern die eigene Botschaft in den Mittelpunkt stellen.
Also kann man sich aus der Frage ein Schlagwort herausgreifen und darauf die eigene Antwort aufbauen?
Anabel Bermejo: Genau. Es geht darum, die eigene Botschaft zu platzieren und nicht die des Gegenübers zu zementieren. Man sollte das eigene Anliegen und das Alleinstellungsmerkmal deutlich machen.
Julia Naumann: Das gilt auch für Fragen wie: „Wie sieht die Flensburger Förde in zehn Jahren aus?“ Statt zu sagen: „Ich kann nicht in die Glaskugel schauen“, sollte man lieber beschreiben, welche Entwicklung man sich wünscht oder für realistisch hält. Entscheidend ist immer die Frage: Was möchte ich in diesem Interview oder auf diesem Podium vermitteln?
Anabel Bermejo: Ein weiterer wichtiger Punkt: Heute kann jederzeit jemand mit dem Handy filmen – auf dem Marktplatz, bei einer Bürgersprechstunde oder einem Bürgerdialog. Solche Aufnahmen können sich sehr schnell verbreiten. Was da nicht funktioniert, ist Ironie. Humor ist schwierig, aber Ironie ist fast unmöglich. Das wird sehr, sehr oft falsch verstanden oder missbraucht.
Welchen Rat geben Sie Frauen, die neu in die Kommunalpolitik einsteigen?
Anabel Bermejo: Redet über eure Arbeit – Klappern gehört zum Handwerk. Das heißt nicht nur, Erfolge zu teilen, sondern auch den Weg dorthin zu erklären: Warum hat etwas funktioniert? Warum nicht? Mit wem hat die Zusammenarbeit gut geklappt? Wo gab es Widerstände und wie wurden diese überwunden? Wer diese Prozesse transparent macht, nimmt die Bürgerinnen und Bürger mit.
Julia Naumann: Überlegt euch zunächst, für welche Themen ihr wirklich brennt. Es macht wenig Sinn, Finanzpolitik zu machen, wenn euch das eigentlich gar nicht interessiert. Sucht euch ein Thema, das euch bewegt, und entwickelt dafür gute Botschaften. Gleichzeitig solltet ihr auf euch selbst achten: Wie viel Raum soll die Politik in eurem Leben einnehmen? Was ist euer Ziel? Warum macht ihr das überhaupt – geht es euch um die Sache oder möchtet ihr in der Partei aufsteigen?
Außerdem ist es wichtig, sich zu überlegen, wie viel Persönliches man preisgeben möchte. Wir haben vorhin schon darüber gesprochen: Ein klarer Rahmen hilft. Ich erzähle fünf Dinge über mich – und dabei bleibt es. Politik ist ein Job, und in diesem Job verhält man sich entsprechend.
Anabel Bermejo: Mit Blick auf Presse- und Medienarbeit sollte man sich bewusst machen: Gute Medienarbeit führt zu mehr Aufmerksamkeit – und damit auch zu mehr Anfragen und mehr Interviews. Wer ein gutes Interview gibt, wird im besten Fall für weitere angefragt. Das bedeutet zusätzliche Arbeit. Das sollte einem von Anfang an klar sein.
Julia Naumann: Es ist Arbeit. Aber sie lohnt sich meistens. Das sagen wir auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, mit denen wir trainieren: Ihr müsst das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Wenn ihr ein gutes Bild, ein gutes Beispiel oder eine gute Erklärung habt, dann nutzt sie wieder. Auch eure wichtigsten Zahlen oder Beispiele könnt ihr immer wieder einsetzen. Nicht jede Aussage muss neu erfunden werden. Macht es einfach.
Welchen einen Tipp würden Sie jeder Mandatsträgerin mitgeben?
Julia Naumann: Trau dich.
Anabel Bermejo: Definiere dein Ziel.
Julia Naumann: Überlege dir vorher deine wichtigste Botschaft.
Anabel Bermejo: Sprich so, dass die Bürgerinnen und Bürger dich verstehen.